"Mein größter Feind liegt neben mir im Bett"

Lebensgefahr im Corona-Lockdown: Israels Frauenhäuser sind voll

11. November 2020 - 19:41 Uhr

Gewalt gegen Frauen ist in Israel explodiert

Ehemänner, die ihre Jobs verloren haben, finanzielle Not, angestaute Aggressionen, Beziehungsprobleme, die vorher schon da waren und nun in Isolation hochkochen: Für Frauen ist der Corona-Lockdown eine reale Bedrohung. Seit der ersten Maßnahmen im April gab es in Israel 19 Morde, begangen durch Ehemänner an ihren Frauen. Häusliche Gewalt und Morde haben sich laut Statistik im Vergleich zum Jahresdurchschnitt in normalen Zeiten verdreifacht. RTL-Reporterin Raschel Blufarb hat ein Frauenhaus besucht und berichtet von den Schicksalen seiner Bewohnerinnen.

"In diesem Tempo können wir den Frauen nicht helfen"

Irgendwo in Israel an einem geheimen Ort haben sich 122 Frauen und 178 Kinder in Sicherheit gebracht. In Sicherheit vor prügelnden Ehemännern und Vätern. Viele sind in der Nacht aus ihren Häusern geflohen, nur mit dem, was sie am Körper trugen. Das Haus ist ein Gemeinschaftsprojekt der Hilforganisation "WIZO Israel" und Deutschland unter der Aufsicht des Sozialministeriums. Zu Beginn der Corona-Pandemie Anfang April war die Notunterkunft eröffnet worden, da die Gewalt gegen Frauen drastisch angestiegen ist. Nun ist sie überfüllt mit Frauen, die zu Hause lebensbedrohliche Situationen erlebt haben. Es ist eines von insgesamt 15 Frauenhäusern in Israel, für die das Sozialministerium umgerechnet rund 1,3 Milliarden Euro Soforthilfe bereitgestellt hat. Hilfe, die bitter nötig ist.

"Die Familie auf engstem Raum, Firma zu, Schule zu, dazu kommen Geldsorgen, Beziehungsprobleme, die vorher schon da waren", erklärt die Familienanwältin Vered Simon. "Ich sehe viele Frauen in Lebensgefahr. Ich bin im Moment zwei bis drei Mal die Woche vor Gericht, um einstweilige Verfügungen gegen gewalttätige Männer zu erwirken, damit sie sich ihren Ehefrauen nicht mehr nähern dürfen." Eine Entwicklung, die sich in den Frauenhäusern manifestiert. "Im letzten halben Jahr seit Beginn der Pandemie haben wir fast drei Mal mehr Frauen aufgenommen als zu normalen Zeiten. Das ist eine unfassbare Steigerung", sagt Ora Korazim, Vorsitzende von "WIZO Israel". "Wir haben jetzt sechs weitere Anfragen, aber unser Haus ist voll. In diesem Tempo können wir den Frauen nicht helfen."

Während des Lockdowns "ist alles explodiert"

Auch Lydias Geschichte erzählt von einem Martyrium im Lockdown. Sie will unerkannt bleiben. Zu groß ist die Angst, dass ihr Mann sie finden und töten könnte. "Der Lockdown war die schlimmste Zeit, da ist alles explodiert. Wir waren zu Hause eingesperrt. Mein Mann wollte mich unter seine totale Kontrolle bringen. Er hat mich vergewaltigt, immer wieder. Es war furchtbar." Eingesperrt und bedroht, so erleben es viele Frauen im Lockdown. Gewalt war häufig schon vorher da, doch der Lockdown hat das Fass zum Überlaufen gebracht.

"Mein Mann wurde immer ungeduldiger. Der Druck wuchs und wuchs", erzählt Orna, eine andere Bewohnerin der Notunterkunft. "Er hat nach Gründen gesucht, um auszurasten. Er ist dann auf mich losgegangen, auf die Kinder. Ich musste da raus, ich hatte das Gefühl, mein größter Feind liegt neben mir im Bett. Der wollte mich umbringen."

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Mutter sah via Skype mit an, wie Ehemann auf ihre Tochter einstach

Shira Isakov wurde von ihrem Ehemann Aviad Moshe beinahe getötet. Die Mutter der jungen Frau musste via Skype alles mitansehen.
Shira Isakov wurde von ihrem Ehemann Aviad Moshe beinahe getötet. Die Mutter der jungen Frau musste via Skype alles mitansehen.
© privat

19 Frauen wurden seit Beginn des Jahres von ihren Ehemännern ermordet. Frauen jeden Alters, jeder Herkunft. Der Fall von Shira Isakov erschütterte das Land. Die 32-Jährige wollte ihren Mann verlassen, weil er gewalttätig war. Am jüdischen Neujahrstag Rosch ha-Schana Anfang September erzählte sie das ihrer Mutter in einem Skype-Gespräch. Aviad Moshe hörte mit und rastete vor laufender Kamera aus – und vor den Augen des zweijährigen Sohnes. 20 Mal stach der 45-Jährige mit einem Messer auf seine Frau ein.

"Er hat auf sie eingeprügelt, eingestochen, sie durch die Küche gezerrt", erzählt ihre Mutter Asnat Isakov mit erstickter Stimme. Ihre Hände zittern. Sie musste den Horror live am Bildschirm mit ansehen. Und mit anhören. "Ich höre ihre Schreie, ich höre seinen Wutausbruch. Und plötzlich verstummt die Stimme meiner Tochter. Ich dachte, sie sei tot." Der Tatort glich einem Schlachtfeld. Fotos zeigen den Boden in der Küche, der von Blut verschmiert ist. Dazwischen verstreut liegen Spielsachen, eine einzelne Sandale. Shira Isakov wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Sie lag im Koma, doch sie hat überlebt. Wie die "Israelinternationalnews" berichtet, konnte sie die Klinik Ende Oktober sogar verlassen. Der Fall löste in der gesamten Bevölkerung große Bestürzung aus. Landesweit gingen Menschen auf die Straße, um für mehr Unterstützung von Opfern häuslicher Gewalt zu demonstrieren.

"Wie ironisch, dass wir uns hier frei fühlen"

In der Notunterkunft finden die Frauen und ihre Kinder Ruhe. Es gibt eine Schule, einen Kindergarten und Therapie, um das Trauma verarbeiten zu können. Es ist der Versuch, Normalität zu schaffen und keine Angst mehr zu haben. "Meine Mädchen und ich fühlen und hier so frei und beschützt wie nie zuvor, obwohl wir hier in der Notunterkunft eingeschlossen sind und im Moment nicht raus dürfen", sagt Orna. "Wie ironisch, dass wir uns hier frei fühlen."

Zwei Wochen bleiben die Frauen hier, bevor es weiter geht in andere Unterkünfte oder zurück ins richtige Leben. Das Sozialministerium baut derzeit weitere Unterkünfte auf, um allen Opfern von Gewalt helfen zu können.