Lawinenopfer lebte noch zwei Tage lang: "Ich bin unter den Trümmern eingeschlossen, Hilfe"

Nach Erdbeben in Italien dauerte es eine Woche, bis die Retter alle Opfer geborgen hatten.
Nach Erdbeben in Italien dauerte es eine Woche, bis die Retter alle Opfer geborgen hatten.
© dpa, Uncredited, EI axs

04. Mai 2017 - 15:27 Uhr

Das Unglück wäre vermeidbar gewesen

Das Unglück schockierte Menschen weltweit: Eine Lawine verschüttete im Januar ein Hotel in den Abruzzen. 29 Menschen starben in den Schneemassen, elf konnten lebend gerettet werden. Es dauerte eine Woche, bis die Retter die letzten Eingeschossen gefunden hatten. Mehr als drei Monate nach dem schweren Lawinenunglück im italienischen Farindola deutet vieles darauf hin, dass der Tod vieler Opfer wohl vermeidbar gewesen wäre.

Paola T. wählte 15 Mal den Notruf

Denn nicht alle 29 Todesopfer starben sofort, nachdem die Lawine auf das Hotel niedergegangen war. Die Verschüttete Paola T. lebte offenbar noch zwei Tage lang, bevor sie begraben unter dem Schnee starb, wie nun ihre Handyauswertung ergab. Das berichtet die italienische Zeitung 'La Repubblica'. Zum Zeitpunkt des Unglücks hielt sie sich mit ihrem Lebensgefährten in der Hotelbar auf. Dann brach das Gebäude plötzlich unter den herabrollenden Schneemassen zusammen. Ihr Partner starb unter den Trümmern. Doch Paola T. überlebte den Kollaps des Gebäudes zunächst. Sie versuchte mit ihrem Handy Hilfe zu rufen, wählte mehrfach den Notruf und schickte emotionale Nachrichten an Freunde und Verwandte.

Retter fanden sie mit dem Handy in der Hand

"Ich bin unter den Trümmern eingeschlossen, Hilfe", schrieb sie wenige Minuten nach dem Unglück. Insgesamt setzte Paola T. vor ihrem Tod noch 14 Kurznachrichten und 15 Anrufe ab. Weil ihr Handy jedoch keinen Empfang hatte blieben ihre Hilferufe ungehört. Nachdem sie stundenlang unter den Trümmern lag, schwanden ihre Hoffnungen immer mehr. Trotzdem gab die Frau nicht auf und versuchte weiter, ihre Schwestern, ihre Neffen und ihre 80-jährige Mutter zu erreichen. Zwischendurch schaltete sie ihr Telefon immer wieder ab – vermutlich wollte sie den Akku schonen. In einer WhatsApp-Gruppe ihrer Familie schrieb sie: "Ich liebe euch alle, grüßt Mama von mir!"

Am 20. Januar verschickte Paola T. ihre letzte Nachricht. Als Retter sie fünf Tage nach dem Unglück fanden, hielt sie ihr Handy immer noch in der Hand. Wann genau sie starb, lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen. Zumindest ist klar, dass sie 40 Stunden und 47 Minuten nach der Katastrophe noch lebte. Denn zu dem Zeitpunkt sendete sie noch ein letztes Lebenszeichen, bestehend aus einem einzigen Emoticon – einem Herz.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Retter brauchten Stunden bis zum Unglücksort

Anderen Hotelgästen gelang es aber, einen Notruf abzusetzen. Zwei Personen standen vor dem Hotel, als es verschüttet wurde und blieben verschont. Trotzdem dauerte es ewig, bis die Helfer sich tatsächlich auf den Weg machten. Schon kurz nach dem Unglück hatte es Kritik am Einsatz der Rettungskräfte gegeben. Wurden erste Notrufe aus dem Hotel ignoriert? Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch.

Die Lawine ging am späten Nachmittag des 18. Januar nieder. Doch bis die ersten Helfer bei dem verschütteten Gebäude eintrafen, dauerte es Stunden. Die Zufahrtstraße zu dem abgelegenen Hotel war nicht passierbar, darum mussten die Retter auf Skiern zum Unglücksort vordringen. Sie Trafen erst tief in der Nacht dort ein und mussten zunächst nur mit Schaufeln nach den Vermissten graben. Das eigentliche Bergungsteam und professionelles Gerät konnte erst sehr viel später eingesetzt werden.

Feriengäste waren eingeschneit

Und auch anderswo wurde offenbar geschlampt. Die Feriengäste hätten eigentlich längst abreisen können. Weil jedoch die Straße nicht geräumt wurde, hatten die Menschen stundenlang auf ihre Abfahrt gewartet. Außerdem gibt es Zweifel, ob das Hotel an der Stelle überhaupt hätte genehmigt werden dürfen, wie das Magazin 'Spiegel' berichtet. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen sechs Beschuldigte, darunter sind der Hotelbesitzer, der Bürgermeister von Farindola und weitere Verantwortliche der Provinz Pescara. Nach der schweren Erdbebenserie im Januar hätten die Behörden die Lawinengefahr eigentlich erkennen und das Hotel sofort evakuieren lassen müssen.