Verhängnisvolles Neandertaler-Erbe

Neue Corona-Studie: Dieses Gen erhöht das Risiko für schwere Verläufe

Neandertaler
© dpa, Federico Gambarini, fg_sv tba lre lof wie wst

03. Oktober 2020 - 9:20 Uhr

Wahrscheinlichkeit für künstliche Beatmung 3-mal höher

Wer das sogenannte Neandertal-Erbgut in sich trägt, muss laut einer neuen Studie im Fall einer Covid-19-Infektion mit schweren Krankheitsverläufen rechnen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die diese Genvariante geerbt haben, bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 künstlich beatmet werden müssen, ist etwa dreimal höher", erklärte Hugo Zeberg vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

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Zusätzlicher Risikofaktor neben Alter und Vorerkrankungen

Die Variante ist ein weiterer Risikofaktor zusätzlich zu vielen schon länger bekannten wie Alter und manchen Vorerkrankungen. Eine Studie im Sommer hatte ergeben, dass eine Gruppe von Genen auf Chromosom 3 mit einem höheren Risiko dafür verbunden sein kann, im Falle von Covid-19 im Krankenhaus behandelt und künstlich beatmet werden zu müssen. Die Gefahr für eine schwere Form der Erkrankung sei bei Menschen mit dieser Variante bis zu dreimal höher, hieß es damals.

DNA Spuren sind Überbleibsel eines Seitensprungs

Zeberg und sein Kollege vom Max-Planck-Institut, Svante Pääbo, haben den Gencluster nun analysiert und gezielt mit dem Erbgut von Neandertalern und Denisova-Urmenschen verglichen. Die DNA-Sequenz, die für ein höheres Risiko sorgen kann, sei den DNA-Sequenzen eines etwa 50.000 Jahre alten Neandertalers aus Kroatien sehr ähnlich, erläutern sie im Fachjournal "Nature".

"Neandertalgene sind Überbleibsel aus einem Seitensprung des Homo Sapiens mit dem Neandertaler", erklärt RTL-Medizinexperte und Allgemeinarzt Dr. Christoph Specht. Zwar seien die meisten Gene aus der Steinzeit verloren gegangen, vereinzelt kommen sie jedoch noch vor.

Besonders häufig findet sie sich demnach bei Menschen in Südasien, wo etwa die Hälfte der Bevölkerung sie im Genom trage, in Bangladesch sind es sogar 63 Prozent, berichtet das Forscherduo vom Max-Planck-Institut. In Europa habe sie etwa einer von sechs Menschen geerbt, also rund 16 Prozent. In Afrika und Ostasien hingegen komme die Variante so gut wie gar nicht vor. 

Funktion der Neandertalgene weitgehend unbekannt

Um welche Neandertalgene es sich handle, sei noch nicht bekannt, so RTL-Medizinexperte Dr. Christoph Specht. "Man spekuliert, dass es eine stärkere Immunabwehr verursacht. Die ausgelöste Immunreaktion ist 'zu viel' für den Körper, normale Prozesse werden gestört, es kommt zu einer starken Belastung des Herz-  Kreislaufsystems und möglicherweise zu Multiorganschäden. Der Motor läuft quasi 'zu heiß'", so der Experte. Das bedeute, dass die Menschen nicht direkt an Covid-19 sterben, sondern an der ausgelösten Abwehrreaktion des Körpers. "Es ist erschreckend, dass das genetische Erbe der Neandertaler während der aktuellen Pandemie so tragische Auswirkungen hat", so auch Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Insitut für evolutionäre Anthropologie.

Quelle: dpa/RTL.de