Kinostart: 7. November 2019

"Lara" verleiht dem Begriff Tiger Mom eine ganz neue Dimension - Filmkritik

7. November 2019 - 11:26 Uhr

von Mireilla Zirpins

Corinna Harfouch liefert in Jan-Ole Gersters "Lara" als herzlose Übermutter eine verstörende One-Woman-Show: Zynisch, destruktiv und immer auch selbstzerstörerisch hinterlässt sie verbrannte Erde, wo sie in ihrem roten Mantel und ihren hochhackigen Pumps entlangstöckelt. Warum man den Film trotz seiner unsympathischen Protagonistin gern ansieht, verrät unsere Video-Filmkritik.

Nach dem Erfolg von „Oh Boy“ steht nun eine Frauenfigur im Fokus

Mit seinem ersten Kinofilm "Oh Boy" ging Jan-Ole Gerster 2012 ein Riesenwagnis ein. In atmosphärischen Schwarz-Weiß-Bildern ließ er Tom Schilling als lustlosen Slacker einen Tag lang ziellos durch Berlin schlendern. Publikum und Kritikern gefiel's. Da macht es uns der Regisseur bei seinem zweiten Spielfilm deutlich schwerer. Wieder dürfen wir die Hauptfigur einen Tag lang begleiten. Doch Protagonistin Lara, mit unglaublicher Präsenz verkörpert von Corinna Harfouch, schafft es, jeden vor den Kopf zu stoßen - auch uns Zuschauer. Sehen Sie selbst in unserer Video-Kritik!

Umwerfend biestig: Corinna Harfouch als verbitterte „Lara“

In der ersten Szene steht sie am offenen Fenster, den Frust über ihr vergeigtes Leben im Gesicht, scheinbar bereit zum erlösenden Sprung – bis es klingelt: zwei Polizisten, die eine Zeugin für eine Hausdurchsuchung brauchen. So beginnt Laras 60. Geburtstag. Die frühpensionierte Beamtin hat nicht vor, ihn zu feiern wie andere Damen ihres Alters. Ihr abtrünniger Pianisten-Sohn Viktor (konsequenterweise Tom Schilling als unsicherer Hänfling) gibt heute das wichtigste Konzert seiner jungen Musikerlaufbahn. Und ausgerechnet seine Mama, die seine Karriere so verbissen vorangetrieben hat, ist nicht eingeladen. Doch so einfach lässt die sich nicht abspeisen und lädt sich einfach selbst ein.

Lara schmeißt sich in High Heels und einen Traum von einem blutroten Mantel und räumt mal so richtig auf in ihrem Leben. Und zwar so, dass uns Zuschauern ob ihrer vernichtenden Sprüche schlicht die Spucke wegbleibt. Stückweise, wie beim Häuten einer Zwiebel, enthüllen Jan-Ole Gerster und seine umwerfend biestige Hauptdarstellerin Corinna Harfouch, wie Lara als Mutter versagt und langsam ihr ganzes Umfeld vergiftet hat. Böse, bitter, aber dank seiner Klasse-Darsteller, der sensiblen Inszenierung und der atmosphärischen Kameraarbeit von Frank Griebe in jeder Einstellung sehenswert. Eine Kostprobe gibt's in unserem Video.