'Lame-Duck' Heynckes: Jetzt erst recht!

Franck Ribery war in der Hinrunde auch von seinen Teamkollegen nicht zu stoppen
Franck Ribery war in der Hinrunde auch von seinen Teamkollegen nicht zu stoppen
© dpa bildfunk

17. Januar 2013 - 14:21 Uhr

Guardiola. Guardiola. Guardiola. So, das muss an dieser Stelle reichen. Schließlich geht es hier nicht um die spektakuläre Verpflichtung des Spaniers als neuen Trainer ab der kommenden Saison, sondern um die Bayern im Bundesliga-Check - und da spielt Guardiola (noch) keine Rolle.

Da schießen die Münchner eine halbe Saison lang alles in Grund und Boden, stellen Rekord um Rekord auf, führen die Tabelle mit 9 Punkten Vorsprung an und dann das: Nicht einmal die Hälfte der Deutschen ist fest vom Gewinn der Meisterschaft des FC Bayern München überzeugt. Das ergab eine Umfrage eines Meinungsforschungsinstituts.

Dabei spielen die Bayern derzeit vielleicht sogar den besten Fußball der Vereinsgeschichte, wie Jupp Heynckes in einem überraschenden Anflug von Eigenlob posaunte. Doch die vergangenen beiden titellosen Jahre haben nicht nur Spuren, sondern auch ein ernsthaftes Dortmund-Trauma hinterlassen. Und das gilt es in Form von Titeln zu überwinden. Während Champions League und DFB-Pokal in diesem Jahr nur Beiwerk sind, ist die Meisterschaft Pflichtaufgabe. "Mit der Ausgangsposition ja, ganz klar", untermauerte Bastian Schweinsteiger.

Was lief in der Hinrunde gut?

Wo soll man anfangen und wo aufhören? Einen neuen Startrekord haben die Bayern aufgestellt, der schnellste Herbstmeister in 50 Jahren Bundesliga sind sie auch, dazu haben sie die wenigsten Auswärtsgegentore der Geschichte kassiert. Kurz und knapp: Die Hinserie war mit einer Bilanz von 13 Siegen, 3 Unentschieden und nur einer Niederlage bei einer Tordifferenz von 44:7 schlichtweg überragend.

Was lief in der Hinrunde schlecht?

Angesichts von lediglich 7 Gegentoren von Abwehrproblemen zu schreiben, verbietet sich eigentlich, doch Spieler wie Jerome Boateng oder auch Manuel Neuer waren immer wieder für Aussetzer gut. Durch die CL-Sperre für Boateng und die schwere Verletzung von Holger Badstuber werden zu Rückrundenbeginn Dante und Daniel van Buyten die Innenverteidigung bilden - beide sind nicht gerade für ihre Sprintstärke bekannt, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Auch in der Offensive trat phasenweise ein bekanntes Problem auf: die Abhängigkeit von Franck Ribery. Erreicht der Franzose einmal nicht seine Normal-Form, wird das Spiel der Münchner oft zäh und träge, es fehlen die Überraschungsmomente, auch wenn Xherdan Shaqiri angedeutet hat, dass er auf diesem Gebiet ein guter Ersatz sein kann.

Gewinner der Hinrunde

In Abwesenheit seines - surprise, surprise - dauerverletzten Konkurrenten auf der rechten Mittelfeldseite, Arjen Robben, hat sich Thomas Müller in die "Form seines Lebens" gespielt, wie Heynckes ihm in der 'Abendzeitung' attestierte. 9 Tore und 10 Assists gelangen Müller in der Hinrunde. "Für mich war seine Vorrunde Weltklasse", sagte Heynckes und ergänzte: "Er kann eine Epoche in München prägen." Auch Toni Kroos zeigte die richtige Reaktion auf die harsche Kritik an ihm nach dem verlorenen CL-Finale und dem EM-Aus. Der 23-Jährige, wie kein anderer ein Heynckes-Schüler, spielte so stabil wie noch nie und war der Taktgeber im Team.

Und dann ware da noch ein gewisser Dante Bonfim Costa Santos. Vor der Saison als Innenverteidiger Nummer 3 oder 4 verpflichtet, hat sich der Brasilianer im Handumdrehen zum Abwehrchef gemausert - eine Entwicklung, die ihm wohl kaum einer zugetraut hätte. "Er hat eine Ausstrahlung, wie ich es kaum vor ihm jemals gesehen habe", schwärmt Schlussmann Neuer: "Er ist einer der besten Verteidiger, mit denen ich jemals zusammengespielt habe."

Matthias Sammer; Jupp Heynckes
Eine Zweckgemeinschaft für den Erfolg: Matthias Sammer und Jupp Heynckes
© Bongarts/Getty Images, Bongarts

Verlierer der Hinrunde

Arjen Robben. Der 'Glasmann' aus Holland hat in den vergangenen Wochen mal wieder mehr Zeit in Arztpraxen verbracht als auf dem Fußballplatz. So brachte er es gerade einmal auf 5 Bundesliga-Einsätze. Während seiner Reha-Phasen musste er dann auch noch mitansehen, wie Müller sein unorthodoxes Spiel auf ein neues Level hob. Das führt dazu, dass Robben zu Rückrundenbeginn weiter draußen sitzt. "Das ist keine einfache Situation für mich", gesteht er. Ein ähnliches Schicksal droht Mario Gomez, der seit seiner Rekonvaleszenz über die Jokerrolle vorerst nicht hinauskommt.

Eine Hinrunde zum Vergessen erlebte auch Badstuber. Erst verlor er seinen Stammplatz in der Innenverteidigung an Dante und wurde nach Links abgeschoben, dann riss ihm beim Spitzenspiel gegen Dortmund das Kreuzband. Der 23-Jährige wird frühestens zum Saisonende zurückkehren. Zudem schaffte es Boateng nach einem starken Saisonstart durch einige hanebüchende Patzer und seine Rote Karte in der Champions League noch in Rekordzeit auf die Verlierer-Liste.

Aus 'mia san mia' wird 'mia Sammer'!

Nach den missglückten Experimenten mit den Selbstdarstellern Jürgen Klinsmann und Louis van Gaal schienen die Bayern Alphatiere zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Doch dann holten sie sich im Sommer ausgerechnet Matthias Sammer in den Stall, der mit seiner nörgelnden, mitunter auch penetranten Art ein ums andere Mal vermeintliche Missstände anprangert. Es dauerte dann auch nicht lange, da rasselte Sammer das erste Mal mit Heynckes zusammen, der dem 'Motzki' "Populismus" vorwarf. "Und den", so Heynckes, "können wir hier nicht gebrauchen." Doch die beiden haben sich zu einem Zweck-Bündnis zusammengerauft. Sammer wird nicht nachlassen, bis die Münchner im Mai die Meisterschale in den bayerischen Himmel recken. Es gibt keinen anderen Maßstab für ihn. Bis dahin, betont er, "sollten wir uns auf keinen Fall blenden lassen".

Wechsel in der Winterpause

Etwas überraschend wurde die Verpflichtung von Jan Kirchhoff bekanntgegeben. Allerdings wird der 22-jährige erst in der kommenden Saison seine Zelte in der Isar-Metropole aufschlagen. Sammer, der Kirchhoff aus seiner Zeit als DFB-Sportdirektor "seit mehreren Jahren" gut kennt, bezeichnete den 1,95 Meter großen Defensivspieler als "Rohdiamanten" mit "sehr guten Qualitäten".

Prognose

An Mahnern (Sammer: "Wir sollten uns auf keinen Fall blenden lassen"; Schweinsteiger: "Wir sind in der Halbzeit der Saison, noch ist nichts passiert") mangelt es an der Säbener Straße nicht. Aber seien wir mal ehrlich: Wie um Himmels Willen sollen die Bayern bei diesem Kader und bei diesem Vorsprung die Meisterschaft noch verspielen? Dass sie ihre gute Form über das Jahr gerettet haben, zeigten die beeindruckenden Testspielerfolge (5:0 gegen Schalke, 3:0 gegen Basel, 2:0 gegen Unterhaching).

Spannend zu beobachten wird allerdings, wie die Mannschaft mit Heynckes als 'Lame Duck' umgehen wird. Der Zeitpunkt der Bekanntgabe von Guardiola als neuem Coach war sicherlich alles andere als optimal. Auch dass Heynckes wirklich freiwillig den Rückzug antritt, ist nicht verbrieft. An der Loyalität des 67-Jährigen gibt es aber keine Zweifel, Heynckes wird bis zu seinem letzten Arbeitstag alles geben, um sich und den Bayern einen würdigen Abschied zu verschaffen. "Jetzt erst recht", sagte Karl-Heinz Rummenigge.