Labbadia mahnt: "Müssen riesige Stiefel anziehen"

Berlins Matheus Cunha (r) und Leverkusens Jonathan Tah in Aktion. Foto: Michael Sohn/AP/POOL/dpa
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21. Juni 2020 - 13:42 Uhr

Auch an einem freien Sonntag bei seiner Familie in Hamburg wurde Bruno Labbadia die Gedanken an Hertha BSC nicht los. Trotz der großen Freude über den unerwarteten 2:0-Erfolg gegen den entzauberten Champions-League-Anwärter Bayer Leverkusen grübelte der Trainer schon wieder über kommende Aufgaben und warnte vor zu großen Erwartungen an einen schnellen Berliner Fußball-Aufschwung.

"Es ist nicht die Phase, um zu sagen, ich kann mich zurücklehnen. Wenn man gestern unseren Gegner gesehen hat, dann müssen wir riesige Stiefel anziehen, um diese Schritte machen zu können, um irgendwann dahin zu kommen. Das zeigt, welchen langen Weg wir vor uns haben, wenn wir dahin kommen wollen. Dafür müssen wir sehr gut arbeiten", sagte Labbadia am Sonntag bei einer Video-Pressekonferenz aus den heimischen vier Wänden.

Eine Stunde hatte der Hertha-Coach am Samstagabend noch mit Club-Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz in den Katakomben des Olympiastadions gesessen und auch ein bisschen den Sieg genießen können. Die auf dem Fernseher flimmernden Bilder von Fortuna Düsseldorf und Werder Bremen erinnerten ihn daran, dass auch die Hertha sich vor kurzem noch in Abstiegsnot befand.

Auch unmittelbar nach dem Abpfiff hatte Labbadia schon gemahnt: "Da sind wir Lichtjahre entfernt", beschrieb der 54-Jährige die Lücke von Hertha BSC zur Personalauswahl von Leverkusen und der des kommenden Gegner Borussia Mönchengladbach. Noch ist Hertha nicht reif für die Königsklassen-Dimension lautete Labbadias Botschaft. "Wir sind uns im Klaren, welchen Weg wir gehen müssen, welche Schritte wir gehen müssen, und genauso gilt es auch gegen den nächsten Gegner. Auch Gladbach macht seit Jahren eine Riesenarbeit", sagte Labbadia.

In Berlin arbeitet Labbadia erst seit gut zwei Monaten. Den Sieg gegen Bayer bewertete er dennoch mit einem Superlativ. Die taktisch beste Leistung seit seiner Ankunft Mitte April habe er gesehen, sagte der gebürtige Darmstädter. Charaktertest bestanden, konnte er dann doch als Fazit notieren, nachdem zuletzt schon Zweifel an der Wunderwirkung des Chefcoachs aufgekommen waren.

Drei Niederlagen in Serie hatten Herthas zuvor prima Bilanz in der Post-Corona-Phase getrübt. Jetzt, als es eigentlich nur noch ums Renommee ging, funktionierte die Hertha trotz mittlerweile bedenklicher Personalprobleme wieder als große Einheit. "Man muss einfach ein Riesenkompliment machen. Wir sind als Team aufgetreten, und da freuen wir uns, dass wir so einen starken Gegner geschlagen haben", sagte der spürbar glückliche Labbadia.

Der in der Hauptstadt schon artikulierte "Luft-raus"-Vorwurf war eindrucksvoll entkräftet. "Wir haben super gearbeitet. Es war ein richtiger Arbeitssieg, wir hatten einen Plan, den hat jeder Einzelne umgesetzt. Wir haben als Mannschaft den Sieg errungen. Da kann Verteidigen auch mal Spaß machen", sagte Innenverteidiger Niklas Stark, den Labbadia auf die Sechserposition beordert hatte.

Die Tore von Matheus Cunha (22.) und Dodi Lukebakio (54.) trafen das von der Spielanlage überlegene Leverkusen hart. Hertha schob sich auf Rang zehn und liegt vor dem letzten Spieltag drei Punkte und zehn Tore vor Lokalrivale 1. FC Union, der sich zuletzt wieder bedrohlich herangepirscht hatte. "Das ist ein kleiner Pluspunkt für uns und für die Fans. Ich habe auch Hertha-Fans als Freunde, die werden da wert drauflegen", meinte Stark zur nun wohl fixen Stadt-Vorherrschaft.

Labbadia kann mit diesem lokalen Ranking wenig anfangen. Zumal die Personalprobleme aktuell drücken. Kurzfristig muss er für den Saisonausklang in Mönchengladbach nach dem Muskelfaserriss von Peter Pekarik und der Gelbsperre für Lukas Klünter bei ohnehin fast einem Dutzend fehlender Spieler das Team noch mehr umbauen.

Quelle: DPA