Prozess in Hannover

Streit um Fernbedienung eskalierte: Frau verzeiht Ehemann Messerangriff

09. Juli 2020 - 18:46 Uhr

Laatzen: Mann stach im Streit um Fernbedienung auf seine Ehefrau ein

Es ist eine Alltagssituation, die wohl viele Paare kennen: Wer hat die Macht über die Fernbedienung? In Laatzen bei Hannover ist ein Streit über die Lautstärke des Fernsehers im Oktober 2019 so aus dem Ruder gelaufen, dass Elena E. ihren Mann Klaus-Dieter E. biss und er daraufhin auf seine 23 Jahre jüngere Ehefrau einstach. Elena E. wurde schwer verletzt, eine Operation rettete ihr Leben. Am Amtsgericht Hannover kam es nun zum Prozess: Der 79-jährige Klaus-Dieter E. war wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt, aber seine Frau verzieh ihm die Tat. Im Video berichtet der Verteidiger des Angeklagten, wie die Eheleute miteinander umgehen.

Klaus-Dieter E. verhinderte den Tod seiner Frau

In 28 Jahren Ehe sei es nie zu Gewalttaten gekommen, soll Klaus-Dieter E. vor dem Prozess gesagt haben. Im Streit um die Lautstärke an dem Abend im Oktober 2019 soll Elena E. die Fernbedienung nach ihrem Mann geworfen haben. Die Fernbedienung sei kaputtgegangen und die Batterien unter das Sofa gefallen. Daraufhin habe Elena E. ihren Mann gegen den Kopf geschlagen und ihm in die linke Hand gebissen.

Klaus-Dieter E. greift ein Messer, das auf einem Wohnzimmerschrank liegt. "Er könne sich nicht mehr erinnern wohin und wie oft er zugestochen habe, er sei sehr impulsiv gewesen", so Amtsrichterin Svenja Tittelbach-Helmrich während der Verhandlung. Einer der vier Messerstiche trifft die Lunge der 56-Jährigen. Ihr Mann ruft einen Notarzt und packt seine Sachen. Er glaubt, dass die Polizei ihn gleich mitnimmt.

Weil Klaus-Dieter E. schnell den Notruf gewählt hat, seine Frau operiert und ihr so das Leben gerettet werden konnte, geht die Anklage nicht von Totschlag, sondern gefährlicher Körperverletzung aus.

Die beiden sind immer noch ein Paar

Elena E. sagt im Prozess als Zeugin aus. "Es ist alles in Ordnung, und auch sofort am zweiten Tag hat er mich im Krankenhaus besucht und mich gepflegt", erklärt die 56-Jährige den Richtern. Sie habe ihrem Mann voll verziehen, die Beziehung sei nach dem Vorfall sogar enger geworden. Beide wohnen wieder zusammen und wollen ihre Ehe weiterführen. Und auch gesundheitlich hat sich Elena E. rund neun Monate nach der Tat, wieder erholt: "Ich kann joggen, ich gehe ins Fitnessstudio. Mir geht es gut."

Klaus-Dieter E. muss nicht ins Gefängnis

Die Staatsanwaltschaft fordert für die Tat eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten für den 79-Jährigen. Sein Verteidiger sieht das anders: Er will eine Bewährungsstrafe für seinen Mandanten. "Wir müssen auch alle ein bisschen den Menschen sehen", sagt Verteidiger Fritz Willig in seinem Plädoyer. Weil er keine Vorstrafen hat und bereits 79 Jahre alt ist, verurteilt Richterin Svenja Tittelbach-Helmrich Klaus-Dieter E. schließlich zu einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung. Der Rentner muss außerdem 1.500 Euro an einen Verein zahlen, der sich gegen den sexuellen Missbrauch von Mädchen und jungen Frauen einsetzt.