Kurt Beck fordert höhere Entschädigungen für Terroropfer: Das soll sich nach dem Weihnachtsmarkt-Anschlag ändern

13. Dezember 2017 - 14:00 Uhr

Breitscheidplatz-Anschlag: Opferbeauftragter Kurt Beck zieht Fazit

"Da sind Menschen betroffen - sozusagen stellvertretend - obwohl unsere gesamte Gesellschaft gemeint war". Knapp ein Jahr nach dem Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt hat der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck, Fazit gezogen. In seinem Abschlussbericht räumte er Versäumnisse ein und forderte vor allem höhere Entschädigungen für die Hinterbliebenen. Bei möglichen weiteren Terroranschlägen in Deutschland solle vieles besser laufen.

Kurt Beck: "Deutschland war nicht vorbereitet"

"Ich glaube, dass wir uns einig sind, dass wir in Deutschland auf ein solches Terrorereignis in solcher Dimension nicht vorbereitet waren", sagt Kurt Beck (SPD). Auf der Pressekonferenz berichtet er von Ereignissen im Umgang mit den Hinterbliebenen, die er zunächst selbst nicht glauben konnte. Etwa das Verhalten eines Berliner Krankenhauses, das den Angehörigen eines Opfers die Rechnung für dessen Obduktion geschickt hatte - inklusive Mahnungen.

Einige Angehörige seien außerdem die ganze Nacht "von Krankenhaus zu Krankenhaus gelaufen", um Informationen zu bekommen. Beck forderte, dass bei weiteren Terrorereignissen eine zentrale Anlaufstelle direkt vor Ort geschaffen werden müsse, die sich um die Menschen kümmert. "Sie dürfen nicht herumirren", so Beck. Auch hatte es teilweise bis zu drei Tage gedauert, bis Tote identifiziert waren - obwohl sie Ausweisdokumente bei sich trugen. Hier schlug Beck eine "vorläufige Identifizierung" vor, die rechtlich zwar noch nicht bindend ist, den Angehörigen aber bereits Gewissheit bietet.

Zentrale Anlaufstellen für Terroropfer

Heiko Maas und Kurt Beck präsentieren Abschlussbericht des Terroranschlags auf dem Breitscheidplatz
Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD, links im Bild) und der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck (SPD, rechts im Bild), zeigen den Abschlussbericht für die Opfer und Hinterbliebenen des Terroranschlags.
© dpa, Gregor Fischer, fis exa

Gerade in den ersten Wochen nach dem Anschlag hatten sich Hinterbliebene und Verletzte über Behörden-Wirrwarr und Bürokratie beklagt. Der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz forderte in seiner Bilanz deshalb, auf Bundes- und Landesebene zentrale Anlaufstellen für Betroffene eines Terroranschlags zu schaffen. Eine Koordinierungsstelle in einem Ministerium sollte direkter Ansprechpartner auf Bundesebene für Opfer sein.

Diese Stellen sollen sich beispielsweise um Therapiemöglichkeiten für die Opfer kümmern, materielle Hilfen bereitstellen und steuern sowie Kontakt mit den Botschaften aufnehmen, falls Ausländer unter den Opfern sind.

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Entschädigungen für Terroropfer in Deutschland zu niedrig

Opferangehörige des Terroranschlags in Berlin
Mit Kerzen und Blumen haben Menschen am 20.12.2016 in Berlin nahe der Gedächtniskirche der Opfern des Anschlags gedacht.
© dpa, Maurizio Gambarini, gam cgt soe

"Natürlich kann man mit materiellen Hilfen die Gesundheit und das Leben eines Menschen nicht aufwiegen", stellte Beck klar als es um das Thema Entschädigungen ging. Doch Deutschland schneidet dabei im Vergleich zu anderen europäischen Ländern schlecht ab. Härteleistungen von 10.000 Euro für einen nahen Angehörigen seien deutlich zu niedrig.

Zudem sollten materielle Schäden unabhängig davon ersetzt werden können, ob die Tat mit einem Fahrzeug begangen wurde, heißt es in dem Abschlussbericht. Warum das der Fall ist und wie genau die Entschädigung für Opfer künftig aussehen soll, erfahren Sie im Video.

Der Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt

Anschlag auf Weihnachtsmarkt in Berlin Breitscheidplatz
Am 20.12.2016 rast der Attentäter Anis Amri mit einem Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin.
© dpa, Bernd von Jutrczenka, bvj fpt kde fux jai fux dul tba

Bei dem bislang schwersten islamistischen Anschlag in Deutschland waren am 19. Dezember 2016 zwölf Menschen getötet und nach Angaben von Beck annähernd 100 Menschen verletzt worden. Der Attentäter Anis Amri war mit einem gestohlenen Laster in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast. Er wurde einige Tage später auf der Flucht von italienischen Polizisten erschossen. Erst Anfang Dezember wurde bekannt, dass er während des Anschlages vermutlich unter Drogeneinfluss stand.

Der Fall ist vor allem deshalb so brisant, weil auch Monate nach dem Anschlag immer neue Versäumnisse der Behörden bekannt wurden.