2019 M02 22 - 18:02 Uhr

Sie sind jung, lachen viel, machen Selfies und wollen alles erst mal auf sich zu kommen lassen. Die neuen Kuratoren der kommenden documenta überraschen und sind eine Abkehr von der etablierten Kunstwelt mit ihren Hierarchien und individualistischen Künstlerpersönlichkeiten.

Das indonesische Künstler-Kollektiv ruangrupa mit einem Kern aus zehn Künstlern will und soll die berühmteste Schau für zeitgenössische Kunst nach einem Krisenjahr wieder näher zu den Menschen bringen. Und in der 15. Ausgabe vom 18. Juni bis 25. September 2022 dann explizit auch Leute ansprechen, die sich im Alltag nicht für Kunst interessieren.

"Wir ernennen ruangrupa, weil sie nachweislich in der Lage sind, vielfältige Zielgruppen - auch solche, die über ein reines Kunstpublikum hinausgehen - anzusprechen und lokales Engagement und Beteiligung herauszufordern", heißt es in der Begründung der Findungskommission. ruangrupa könne aus dem Indonesischen mit "Raum der Kunst" oder "Raum-Form" übersetzt werden. Netzwerk, Gemeinschaft und Partizipation sind Schlagworte, die immer wieder im Zusammenhang mit der Gruppe fallen. Insgesamt gehören zu dem Kollektiv rund 80 Menschen - von Journalisten über Architekten bis zu Videokünstlern.

Die Künstler Farid Rakun und Ade Darmawan treten bei ihrer Präsentation nahbar und locker auf, betonen mehrfach, Kassel und die Menschen kennen lernen und hier Zeit verbringen zu wollen. "Ein indonesisches Restaurant zu eröffnen, wäre vielleicht eine nette Idee", sagen sie mit halbem Ernst. "Wir suchen schon eine große Wohnung. wo man ordentlich zusammen kochen kann und einen großen Tisch hat", scherzt documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann über das neue Gemeinschaftsgefühl.

Nach einem Krisenjahr ist allen Verantwortlichen die Freude über den frischen Wind, den die jungen und zugänglichen Künstler bringen, deutlich anzumerken. Die documenta 14 hatte unter der künstlerischen Leitung von Adam Szymczyk vor zwei Jahren ein Defizit von 7,6 Millionen Euro erwirtschaftet und war darüber in eine Krise gestürzt. Auch künstlerisch wurde das Konzept des Kurators mit seinen Standorten in Kassel und Athen unter anderem als zu didaktisch und schwer verständlich kritisiert. Nun müsse man endlich nicht mehr über Organisatorisches diskutieren, sondern könne den Blick auf das wirklich Wahre, die Freude an der Auseinandersetzung mit Kunst, richten, freute sich Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle. "Wir haben in den letzten anderthalb Jahren keine leichte Zeit hinter uns."

Der Ansatz der neuen Kuratoren ist in Zeiten, in denen bewährte Strategien keine Antwort mehr auf die zahlreichen Sozialen- wie Umweltprobleme geben, gesellschaftsverändernd: Sie wollen einen neuen Blick auf die Welt bieten und ein gemeinschaftlich ausgerichtetes Modell der Ressourcennutzung - ökonomisch aber auch bei Ideen und Wissen - entwickeln. Man wolle mit der documenta 15 das Augenmerk auf die heutigen Verletzungen richten: "Insbesondere solche, die ihren Ausgang im Kolonialismus, im Kapitalismus oder in patriarchalischen Strukturen haben." Dem wolle man partnerschaftliche Modelle gegenüberstellen. Auch bei ihrer eigenen Arbeit geht es ihnen mehr um Verbindung statt Selbstverwirklichung: "Die zentrale Frage für uns ist, was braucht die Gemeinschaft, was braucht Kassel", sagte Rakun.

Angesichts der erstarkten rechten Kräfte im Land habe die documenta eine besondere Bedeutung, sagte Hessens Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Angela Dorn. Die Kunstschau war 1955 entstanden, um Kunst zu zeigen, die von Nationalsozialisten als "entartet" zensiert wurde. Sie rüttle immer wieder die Gedankenwelt und das bisher Erlebte durch: "Die documenta muss provozieren, sie muss auch immer wieder anstößig sein." Künstler seien die Seismographen der gesellschaftlichen Entwicklung.

Das überzeugte die Findungskommission nach langem Auswahlprozess auch für ruangrupa. "In einer Zeit, in der innovative Kraft insbesondere von unabhängigen, gemeinschaftlich agierenden Organisationen ausgeht, erscheint es folgerichtig, diesem kollektiven Ansatz mit der documenta eine Plattform zu bieten", heißt es in der Begründung. Es sei eine Öffnung von beiden Seiten, sagte Kommissionsmitglied und Rektor der Städelschule, Philippe Pirotte. Auch der documenta in ihrer deutschen Verwaltungswelt.

Denn auch in der Kunst wollten viele den Weg weg von einer hierarchischen Kunstwelt gehen und eher horizontale Verknüpfungen organisieren. Statt solche Gruppen als Teil einer Schau eines "Heldenkurators" zu präsentieren, habe man sich nun für den "real deal" entschieden. Diese Energie sei bei der Auswahl spürbar gewesen: "Sie haben das so wunderschön und einladend präsentiert, das wir uns gleich mit eingeschlossen, als Teil des Kollektivs gefühlt haben", sagte Pirotte.

Quelle: DPA