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"Kronzeuge" vor Gericht: Mutmaßlicher IS-Terrorist gesteht

Prozessbeginn gegen den IS-Rückkehrer Anil O. in Düsseldorf.
Prozessbeginn gegen den IS-Rückkehrer Anil O. in Düsseldorf.
© dpa, Federico Gambarini, fg sab

24. April 2017 - 19:51 Uhr

Schockiert und abgeschreckt von der Brutalität des IS

Mit detaillierten Aussagen soll er den Statthalter des sogenannten Islamischen Staats in Deutschland hinter Gitter gebracht haben. Der 23-jährige Deutschtürke Anil O. aus Gelsenkirchen kann dafür nun auf einen erheblichen Strafrabatt hoffen.

"Beispiel eines Syrien-Rückkehrers, das Schule machen könnte"

ARCHIV - Das Wort "Oberlandesgericht" ist am 05.03.2014 im Eingangsbereich des Oberlandesgerichts in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) in Stein gemeißelt.  Ein mutmaßlicher Übersetzer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) muss sich von kommendem Mitt
Der Prozess gegen den Syrien-Rückkehrer findet im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichtes Düsseldorf statt.
© dpa, Roland Weihrauch, rwe kno olg lof

Der ehemalige Medizinstudent steht in Düsseldorf vor Gericht. Er soll mit seinen Aussagen als "Kronzeuge" erheblich dazu beigetragen haben, den mutmaßlichen Stellvertreter des Islamischen Staats in Deutschland, Abu Walaa, hinter Gitter zu bringen.

Den Vorwurf der Bundesanwaltschaft, Mitglied der Terrorgruppe Islamischer Staat gewesen zu sein, räumte Anil O. beim Prozessauftakt sofort sein. Die Vorwürfe seien "im Wesentlichen zutreffend", sagte er. Viele Tage lang hatte der 23-Jährige nach seiner Rückkehr aus Syrien Ermittlern und Justiz in Deutschland umfassend Rede und Antwort gestanden. Die Anklage basiere zu erheblichen Teilen auf seinen eigenen Aussagen, merkte der Vorsitzende Richter Frank Schreiber an. Verteidiger Johannes Pausch sagte: "Er ist das Beispiel eines Syrien-Rückkehrers, das Schule machen könnte."

IS stellte ihm ein etwa zehn Jahre altes Mädchen als Sex-Sklavin zur Verfügung

Der Angeklagte hatte sein Abitur in Gelsenkirchen mit 1,0 bestanden und in Aachen Medizin studiert. Er geriet in islamistische Kreise. Laut Anklage bestärkte ihn Abu Walaa zur Ausreise nach Syrien. Trotz Ausreiseverbots der Stadt Aachen setzte er sich mit seiner Ehefrau Mitte 2015 über die Türkei nach Syrien ab. Dort wollte er dem IS mit seinen Medizinkenntnissen dienen, wie es in der Anklageschrift weiter heißt. Weil Abu Walaa für ihn gebürgt hatte, brauchte der Gelsenkirchener für seine Wohnung in Al-Rakka in Syrien keine Miete zu zahlen. Der IS habe ihm sogar ein etwa zehn Jahre altes Mädchen, eine Jesidin, als Sex-Sklavin zur Verfügung gestellt, berichtete sein Anwalt.

Schockiert und abgeschreckt von der Brutalität des IS habe der inzwischen 23-Jährige mehrfach versucht, aus dessen Herrschaftsgebiet zu fliehen, so die Bundesanwaltschaft. Er wurde demnach erwischt und in ein IS-Gefängnis gebracht. Nachdem seine Haft in einen Hausarrest abgemildert wurde, gelang ihm schließlich die Flucht in die Türkei. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im September 2016 wurde er wiederum verhaftet. Inzwischen ist er aus der Untersuchungshaft entlassen, lebt im Zeugenschutzprogramm an einem geheimen Ort und gilt als sehr gefährdet. Maskierte und bewaffnete Polizisten begleiteten ihn am Montag in den Gerichtssaal des Hochsicherheitstrakts des Düsseldorfer Oberlandesgerichts. Für das Verfahren sind bislang drei weitere Verhandlungstermine vorgesehen. Der Prozess wird am 15. Mai fortgesetzt.

"Leben ist für die wenig wert"

Der Angeklagte Harry S. (l) sitzt am 05.07.2016 in Hamburg im Gerichtssaal im Strafjustizgebäude neben seinem Anwalt Udo Würtz. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 27-jährigen deutschen Staatsangehörigen vor, sich als Mitglied an der ausländischen terro
Der Angeklagte Harry S. (l) sitzt am 05.07.2016 in Hamburg im Gerichtssaal im Strafjustizgebäude neben seinem Anwalt Udo Würtz.
© dpa, Bodo Marks

Wie brutal der IS gegen "Ungläubige" vorgeht, hat auch der Rückkehrer Harry S. in diversen Interviews geschildert. Ein knappes Jahr lang war der 28-Jährige als Kämpfer für die Terrororganisation aktiv und hat die Grausamkeiten des IS live miterlebt. "Leben ist für die wenig wert", sagte er zu RTL.

Der Bremer war im Juli 2016 wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Die vergleichsweise milde Freiheitsstrafe kam zustande, weil der Syrien-Rückkehrer umfassend ausgesagt hatte und offen über seine Zeit bei der Terrormiliz sprach. Normalerweise sind in solchen Fällen vier bis sechs Jahre Freiheitsstrafe vorgesehen.

Die Zahl der Rückkehrer aus den syrischen Kampfgebieten wird auf 500 oder mehr geschätzt. Die meisten von ihnen kommen allerdings nicht geläutert zurück, sondern mit dem Auftrag, hier in Deutschland Anschläge zu verüben. Das zeigt auch die steigende Zahl der Prozesse wegen Terrorverdachts. Fälle wie die von Harry S. sind vergleichsweise selten, denn aus den Fängen des IS zu entkommen, ist beinahe unmöglich.

Wenn es aber ein abtrünniger Kämpfer schafft, ist er für die Ermittlungsbehörden besonders wertvoll. "Die Informationen von Aussteigern sind natürlich für viele Ebenen sehr wichtig. Auch für die Sicherheitsbehörden, wenn es um Informationen geht über bestehende Netzwerke, dann werden diese Informationen natürlich auch genutzt", so ein Terrorermittler. An den Aussagen von Harry S. gibt es inzwischen jedoch Zweifel. Es gibt Hinweise darauf, dass er - anders als von ihm selbst stets behauptet - doch an mehreren Gräueltaten des IS aktiv beteiligt gewesen sein soll.

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