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Kroatien wird zur Sackgasse für Flüchtlinge: "Man sagt uns nicht, wie es weitergeht"

Kroatien wird zur Sackgasse für Flüchtlinge: "Man sagt uns nicht, wie es weitergeht"

RTL-Reporter Thomas Präkelt berichtet aus Tovarnik

Deutschland gilt bei vielen Flüchtlingen, die auf der Balkanroute unterwegs sind immer noch als eine Art Paradies. Doch der Weg zu uns wird immer schwieriger. Nachdem Ungarn die Grenze zu Serbien abgeriegelt hat, suchen die Flüchtlinge, die auf der Balkanroute unterwegs sind, nach Alternativen. Auch das EU-Mitgliedsland Kroatien, über das die Menschen nun weiter Richtung Norden reisen wollen, ist inzwischen heillos überfordert mit dem massenhaften Andrang.

Flüchtlinge in Tovarnik gestrandet
Die In Tovarnik gestrandeten Flüchtlinge wissen nicht, wie es weiter geht.
REUTERS, ANTONIO BRONIC

Darum entschlossen sich auch die kroatischen Behörden zu verschärften Grenzkontrollen. Trotz der Sperrung von sieben Grenzübergängen zu Serbien erreichen jedoch immer mehr Flüchtlinge Kroatien. Das serbische Staatsfernsehen berichtete, dass in der Nacht mindestens 30 Busse die Grenze erreicht hätten. Die Menschen seine ungehindert über die 'Grüne Grenze' gelangt. Tausende sind bereits nach Kroatien gekommen, doch die Behörden müssen noch mit deutlich mehr Flüchtlingen rechnen. Rund 2.000 kämen jeden Tag aus Mazedonien, schrieb die serbische Zeitung 'Danas'.

Der kroatische Regierungschef Zoran Milanovic kündigte an, die Menschen nach Ungarn umzuleiten. Am Nachmittag brachten mehrere Busse Flüchtlinge an die ungarischen Grenze. "Die Menschen, die nach Nordeuropa wollen, werden dort auch enden", sagte er. "Von nun an werden wir niemanden mehr daran hindern, Kroatien wieder zu verlassen." Das Land könne die Flüchtlingslast nicht mehr tragen, begründete Milanovic die Entscheidung. "Kroatien ist nur Transitland. Ich sehe kein Problem, dass diese Leute durch Ungarn und Slowenien nach Österreich und Deutschland reisen", sagte der Politiker. Ungarn hat jedoch begonnen auch an der kroatischen Grenze einen Zaun zu ziehen.

Aus dem kroatischen Tovarnik berichtet der RTL-Reporter Thomas Präkelt. In der Stadt an der serbischen Grenze warten zahlreiche Flüchtlinge auf Züge, mit denen sie weiterreisen können. Die Menschen seien verunsichert, ob sie in einen bereitstehenden Zug einsteigen sollen. Niemand wisse, wohin der Zug fahre, erklärt Präkelt. "Man sagt ihnen nicht, wie es weitergeht." Immer wieder gäbe es Gerüchte, die die Flüchtlinge weiter verunsichern. "Die Informationen fließen einfach nicht", berichtet der Reporter.

In dem Chaos ereigneten sich dramatische Szenen. Ein Mann erlitt einen Herzinfarkt. Weil ein RTL-Kameramann sofort Erste Hilfe leistete, überlebte der Flüchtling. "Während ich drehte, habe ich beobachtet, wie ein Mann im Tumult in Ohnmacht fiel und aus der Menge getragen wurde. Für mich war selbstverständlich hier sofort zu helfen. Dank erster Hilfe-Kenntnisse konnte ich den Mann reanimieren. Ein englischer Kollege war sofort losgerannt und hatte einen Krankenwagen organisiert, der nach ca. 20 Minuten eintraf. Abends habe ich dann von der Ärztin erfahren, dass der Mann überlebt hat, was mich total gefreut hat. Das hätte ich aber in einer ähnlichen Situation, egal wo, für jeden Mitmenschen getan", erzählte der Kameramann Torben Kiefer.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefonierte mit dem kroatischen Ministerpräsidenten Milanovic. Er habe über die Anstrengungen Kroatiens gesprochen, seinen Verpflichtungen vollständig nachzukommen und dabei eine menschenwürdige Behandlung aller Flüchtlinge zu gewährleisten, berichtete Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitagabend. "Die Bundeskanzlerin und der Ministerpräsident stimmten überein, dass das Problem an den Außengrenzen der Europäischen Union gelöst werden müsse."

Gabriel will nicht mehr alle Flüchtlinge aufnehmen

Kroatiens Innenminister Ranko Ostojic forderte Serbien, Mazedonien und Griechenland auf, den weiteren Zustrom der Flüchtlinge an ihren Grenzen zu stoppen. Auch Slowenien hat inzwischen schärfere Grenzkontrollen angekündigt. Der Regierungschef des zunehmend überforderten Landes griff Griechenland an, dass die Flüchtlinge mehr oder weniger durchgewinkt würden. Das sei Griechenlands Rache an Deutschland und Europa.

Slowenien wies die Behauptung Kroatiens zurück, beide Länder planten einen humanitären Korridor, um die Flüchtlinge in Richtung Österreich und Deutschland weiterreisen zu lassen. "Solche Äußerungen des kroatischen Innenministers sind nicht nur falsch, sondern auch gefährlich, weil sie etwas versprechen, was nicht geschehen darf", sagte Sloweniens Regierungschef Miro Cerar dem Fernsehsender 'RTV Slo'. "Slowenien hat mit Kroatien eine Schengen-Grenze, und wir dürfen niemanden durchlassen, der die Bedingungen für die Einreise in die EU nicht erfüllt", erklärte der Regierungschef. Slowenien stoppte außerdem den internationalen Zugverkehr - zunächst bis 18.00 Uhr.

Auch in Deutschland bleibt die Situation an den Grenzen zu Österreich weiter angespannt. Allein in Freilassing kamen 3.700 Flüchtlinge innerhalb eines Tages an. Hunderte Menschen warten darauf, die Grenze passieren zu dürfen. Doch zuerst müssen sie sich kontrollieren lassen. "Ich glaube, dass muss so lange laufen, bis wir wieder geordnete Zustände in allen Staaten Mitteleuropas haben", sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann.

"Deutschland kann nicht allen Menschen eine Heimat bieten." Mit diesen Worten rückte auch Vizekanzler Sigmar Gabriel von der Politik der uneingeschränkten Aufnahme von Flüchtlingen ab. Dass die massenhafte Einreise nach Deutschland gebremst werden muss, findet inzwischen auch der SPD-Chef. "Die Geschwindigkeit, in der jetzt die Flüchtlinge kommen, ist einfach zu hoch, um zeitgleich vernünftige Unterkünfte zu schaffen", sagte Gabriel.

Zuvor hatte bereits CSU-Chef Seehofer seine Kritik an der Entscheidung von Bundeskanzlerin Merkel erneuert, Flüchtlinge massenhaft unkontrolliert ins Land zu lassen. Bayerns Wirtschaftsministerin Aigner bezweifelt in der 'Passauer Neuen Presse', dass viele der Flüchtlinge gut ausgebildet seien. Ein Drittel habe gar keine oder nur eine Grundschulausbildung. Auf Deutschland komme eine "gigantische" finanzielle und gesellschaftliche Herausforderung zu, so Aigner.

In Hamburg haben 40 Roma den Michel besetzt, um gegen ihre Abschiebung zu protestieren. "Wir werden hier nicht aufgeben", sagte ein Sprecher der Gruppe, die sich seit dem Vortag in der Kirche aufhält. Roma aus Serbien, Bosnien und Mazedonien haben kaum Chancen auf Asyl in Deutschland, weil die Staaten als sichere Herkunftsländer gelten. Asylbewerber müssen deshalb mit schneller Abschiebung rechnen. Dagegen wollen sich die Roma in Hamburg wehren.