Krisenclub Hoffenheim: Konzeptlos zurück zum Dorfverein

07. August 2013 - 11:11 Uhr

Vom kecken Aufsteiger zum beschämenden Krisenclub: Nur selten haben es Verantwortliche in so kurzer Zeit geschafft, einen Verein derart vor die Wand zu fahren, wie im Kraichgau. Ein Kader ohne Qualität, ein Management ohne Konzept und ein Verein ohne Philosophie – 1899 Hoffenheim liegt am Boden. Und nun?

Markus Gisdol, 1899 Hoffenheim
Mit Markus Gisdol soll in Hoffenheim erst wieder Ruhe, dann der sportliche Erfolg zurückkehren.
© dpa, Marijan Murat

Es ist knapp vier Jahre her, als sich Fußball-Deutschland an dem erfrischenden Offensiv-Fußball eines Bundesliga-Aufsteigers ergötzt. Nach 17 Spieltagen wird Hoffenheim unter Trainer Ralf Rangnick sensationell Herbstmeister, der Verein von vielen Seiten gelobt, vom internationalen Fußball ist im beschaulichen Kraichgau gar die Rede. "Damals ist Bodenhaftung verloren gegangen. Dafür bezahlen wir heute den Preis", hatte Andreas Müller als Manager kürzlich gesagt.

Knapp einen Monat später fehlen Müller die Worte, denn mittlerweile ist er arbeitslos. Die Verantwortlichen in Hoffenheim wollen mal wieder ein Zeichen im Abstiegskampf setzen, Müller und Coach Marco Kurz werden abgesägt – der vierte Trainerwechsel in dieser Saison. Als sich Präsident Peter Hofmann und Geschäftsführer Frank Briel auf der Pressekonferenz für den Sturzflug rechtfertigen müssen, wird deutlich, warum man ganz unten angekommen ist: dem Verein fehlt ein Konzept.

Auf die Frage, wer denn nun für Transfers zuständig sei, schauen sich die Herrschaften auf der Bühne fraglich an. Man wolle sich absprechen, heißt es sowohl Hofman als auch von Briel, die aus der Krise keine persönlichen Konsequenzen ziehen wollen. Stattdessen lässt man sich zu den üblichen Floskeln hinreißen ("Die Tabelle lügt nicht", "Es geht nicht um kurzfristigen Aktionismus"), die Journalisten tanzen den Bossen auf der Nase rum, fallen ihnen ins Wort und fordern Rücktritte – der nächste Akt in einem Trauerspiel, das seines gleichen sucht.

Mit Gisdol zurück zum altbewährtem Konzept

Was die Verantwortlichen können, das können die Profis schon lange. Die Mannschaft ist gar keine, sondern nur die bloße Ansammlung von Individualisten. Bestes Beispiel ist Torwart Tim Wiese, der erst mit indiskutablen Leistungen zum sportlichen, danach zum ganz großen Problem wurde. Wie die Pressevertreter am Dienstag machte auch Wiese offenbar was er wollte. Er wird suspendiert, trinkt Bier in der Öffentlichkeit, wird von den eigenen Fans beschimpft, vom Verein aber nicht geschützt. Fortuna-Manager Wolf Werner sprach völlig zu Recht von einem "beschämenden Umgang mit Wiese".

Genauso schlimm wie die peinliche Außendarstellung des Vereins ist die sportliche Entwicklung. Als Tabellen-17. ist Hoffenheim auf dem Weg in die Zweitklassigkeit – und das, obwohl in dieser Saison fast 27 Millionen Euro in die Mannschaft investiert wurden. Aber was nützt das ganze Geld, wenn die Bosse damit nicht umgehen können?

Dass Müller und Kurz entlassen wurden, ist nachvollziehbar, fraglich ist, warum sie im Herbst bzw. im Winter überhaupt eingestellt wurden. Kurz fehlte die Erfahrung als Feuerwehrmann, Müller sprach man schon auf Schalke die Kompetenz ab. Nach seiner Entlassung hieß es vom Aufsichtsrat, dass das "sportliche Konzept, das er uns schon vor einigen Wochen vorgelegt hat, uns nur teilweise überzeugt hat". Hoffenheim wagte mit ihm trotzdem den Neuanfang – und fiel ordentlich auf die Nase.

Und nun, der nächste Neunanfang mit einem alten Bekannten: Markus Gisdol. Der 43-Jährige arbeitete von 2009 als 2011 als Jugendtrainer im Kraichgau, kennt also die Strukturen, die den Verein einst ausgemacht haben. Damit besinnt sich Hoffenheim auf ein altes Konzept, das damals den kometenhaften Aufstieg ermöglicht hat. Das verordnete Ziel ist, den eigenen Nachwuchs zu fördern und eine echte Mannschaft zu formen, um wieder erfolgreich zu spielen – wenn das nicht zu spät kommt.