Fälle von Kindesmissbrauch in Münster

Kriminalpsychologe: "Es entsteht eine Gruppendynamik"

08. Juni 2020 - 17:49 Uhr

500 Terrabyte Material gesichert

Nach nur drei Wochen haben die Ermittler in Münster den schweren Missbrauch von drei Jungen im Alter von fünf, zehn und zwölf Jahren aufgedeckt. Kinderpornografisches Material auf Datenträgern in der Größe von 500 Terrabyte wurden sichergestellt. Was muss in Menschen vorgehen, die Kinder missbrauchen und ihnen unfassbares Leid zufügen? Dr. Rudolf Egg ist Kriminalpsychologe, für RTL schätzt er ein, wie es zu dem schlimmen Fall von Kindesmissbrauch kommen konnte. Mehr dazu – im Video.

07.06.2020, Nordrhein-Westfalen, Münster: Absperrband umgibt das Grundstück in einer Kleingartenkolonie am Stadtrand von Münster mit einer Gartenlaube, von der man hier die Rückseite sieht. Die Laube ist einer der Tatorte des vermutlichen Haupttäters
Ermittlungen nach schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern
© dpa, Marcel Kusch, mku lop

Dr. Egg: Gruppendynamik und finanzieller Aspekt

Inzwischen haben die Ermittler massenweise verschlüsselte Daten ausgewertet und elf Personen festgenommen. Haftbefehl wurde gegen sieben Verdächtige erlassen. Es handele sich um sechs Männer und eine Frau. Der Hauptbeschuldigte sei ein 27-Jähriger aus Münster. Außerdem handele es sich um dessen Mutter aus Münster sowie um Männer aus Staufenberg, Hannover, Schorfheide, Kassel und Köln. Das Jugendamt hatte bereits in der Vergangenheit Kontakt zu der Familie eines der Opfer. Damals habe man aber befunden, dass es keinen Grund gebe, das Kind aus der Familie zu holen. Rainer Furth, der Polizeipräsident von Münster zeigte sich entsetzt über die Tat. Was er im Interview mit RTL-Reporter Uli Klose über die Missbrauchsfälle sagt, sehen Sie im Video unten.

Laut Dr. Egg gebe es mehrere Möglichkeiten solche Gräueltaten zu erklären. "Bei dem jetzigen Fall handelt es sich wohl um eine ganze Gruppe von Personen, die das Ganze gewerbsmäßig betrieben haben", so der Experte. Häufiger sei es, dass ein einzelner Pädophiler Kinder auf dem Spielplatz auflauere. Im Fall Münster müsse man auch die Gruppendynamik und den finanziellen Aspekt bedenken. "Es muss nicht so sein, dass alle das gleiche Interesse haben. Ich nehme an, dass es da so einen Kern gibt von Personen, die wirklich ein sexuelles Interesse haben an Kindern und die schauen, wie sie das organisieren können und andere sind irgendwie Nutznießer", so Dr. Egg. Da könne ein finanzielles Interesse völlig losgelöst von einem Interesse an Kindern eine Rolle spielen.

„Man kann sich vernetzen, man kann sich abstimmen"

Auf die pädophile Neigung an sich hätten Betroffene oft keinen Einfluss. Es sei keine aktive Entscheidung zu sagen "so, jetzt möchte ich Kinder sexuell missbrauchen". Das sei ein Prozess, der in der sexuellen Entwicklung stattfinde. Bevor es das Internet gegeben habe, hätten sich Pädophile allein mit ihrer Neigung gefühlt. Jetzt, in Zeiten des Internets, könnte man sich mit Gleichgesinnten, die ebenfalls sexuelle Erregung bei dem Gedanken an Kinder empfänden, leichter austauschen. "Man kann sich vernetzen, man kann sich abstimmen und das ganze dann dadurch aufschaukeln", so Dr. Egg. Früher seine Pädophile eher Einzeltäter gewesen.

Tatverdächtige (45) arbeitete in Kita

Wie am Sonntag bekannt wurde, hat eine im Missbrauchsfall Münster als Tatverdächtige inhaftierte Frau (45) bis zu ihrer Festnahme als Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet.  "Die Leitung der Kita wurde von uns informiert", sagte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt. Die Polizei ermittelt weiter in alle Richtungen.