Kriminalität in Zeiten der Corona-Krise

Wenn Diebstähle ausbleiben und Gewalt in Familien zunimmt

Coronavirus - Kriminalität in Zeiten von Corona
© dpa, Britta Pedersen, alf fux

26. März 2020 - 17:43 Uhr

Wie sich die Corona-Krise auf die Kriminalität auswirkt

Die Innenstädte wirken wie leergefegt. Geschäfte, Restaurants, Schulen und Kitas sind geschlossen. Zweitwohnungen und Ferienhäuser stehen leer. Die Menschen sind wegen der Corona-Pandemie viel zu Hause. Es herrschen aktuell besondere Zeiten - auch für Verbrecher. Betrüger werden jetzt erfinderisch und versuchen, Profit aus der Ausnahmesituation zu schlagen. Ausgangsbeschränkungen könnten gravierende Auswirkungen auf die Kriminalität in Deutschland haben - allerdings nicht nur schlechte.

Wohnungseinbrüche und Ladendiebstähle gehen zurück

Denn geschlossene Geschäfte und leere Bahnen und Busse machen es Langfingern in deutschen Großstädten gerade richtig schwer. "Der Ladendiebstahl hat natürlich stark abgenommen", sagte Kriminaloberrätin Elke Schönwald vom Polizeipräsidium Mittelfranken in Nürnberg. Auch organisierte Autodiebe dürften unter den geschlossenen deutschen Grenzen leiden und so ihre Beute nicht mehr so einfach loswerden können. Genauso schlecht sieht es möglicherweise für Fahrraddiebe aus, die an den S-Bahnstationen rund um die Großstädte, vor Büros und Kneipen weniger begehrte Objekte finden, weil die Menschen zu Hause bleiben. In den ersten drei Märzwochen sind Fahrraddiebstähle in Berlin um 28 Prozent zurückgegangen.

Die Zahl der Wohnungseinbrüche könnte ebenfalls stark zurückgehen, weil viele Menschen derzeit von zu Hause aus arbeiten. Ob Einbrecher jetzt verstärkt in die verwaisten Schulen, Kindergärten und Freizeiteinrichtungen einsteigen, lässt sich im Moment noch schwer abschätzen.

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Leere Straßen sorgen für weniger Schlägereien und Drogenhandel

 Altstadt Düsseldorf, die Ratinger Straße mit den beliebtesten Kneipen, ohne Menschen *** Old town Düsseldorf, the Ratinger Straße with the most popular pubs, without people
Wenn beliebte Straßen wie hier in Düsseldorf leer bleiben, geht die Kriminalität zurück.
© imago images/Olaf Döring, Olaf Döring via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Schlägereien betrunkener Menschen in Bars, Clubs oder nach Fußballspielen gibt es derzeit nicht - die Lokalitäten haben schließlich alle geschlossen. Zurückgehen dürfte auch die Zahl der Raubüberfälle, weil sich nachts kaum noch Opfer auf den Straßen befinden. Konfrontationen zwischen gewalttätigen Demonstranten und der Polizei fallen ebenfalls aus. "Aufgrund der starken Abnahme des Straßenverkehrs sind auch die Verkehrsdelikte deutlich rückläufig", sagte Schönwald. Auch der Drogenhandel geht auf leeren Straßen deutlich zurück, weil Parks und Clubs geschlossen sind und keine Touristen oder Nachtschwärmer in den Städten unterwegs sind. Private Einkäufe bei bekannten Dealern werden wohl allerdings weiter stattfinden und lassen sich derzeit wohl so diskret wie noch nie abwickeln.

Internetkriminalität floriert

Im Internet nimmt die Kriminalität derzeit hingegen zu. Abzocker machen sich die Corona-Krise sogar richtig zunutze. Sie geben vor, rare Schutzmasken oder Desinfektionsmittel zu vertreiben, liefern diese aber nicht nach Erhalt des Geldes. Andere Internetverkäufer verlangen absurde Preise - zum Teil auch für Klopapier. Die Online-Plattform Ebay hat den Verkauf von Atemschutzmasken und Desinfektionsmitteln deshalb inzwischen auf ihrer US-Website verboten. Und auch die Enkeltrickbetrüger werden in Zeiten von Corona aktiv. Hier ist besondere Vorsicht geboten.​

Gewalt hinter verschlossenen Türen nimmt zu

Den ganzen Tag zu Hause sitzen, kein oder sehr eingeschränkter sozialer Kontakt zur Außenwelt, wenig Abwechslung: Diese Ausnahmesituation stellt derzeit viele Familien und Paare vor große Herausforderungen. Denn wer viel aufeinander hockt, kann sich nur schwer aus dem Weg gehen. Dazu können finanzielle Engpässe und Existenzängste kommen. "Die Situation kann zu erhöhtem Stress führen", sagte die Psychologin Anja Stiller vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. "Wenn in Familien schon latent Konflikte da waren, können diese eskalieren." Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) rechnet deshalb auch mit mehr Gewalt in Familien und Beziehungen. "Wir stellen uns in dieser Zeit darauf ein, dass Straftaten der häuslichen Gewalt deutlich zunehmen werden", sagte Behrendt. Auch Familienministerin Franziska Giffey (SPD) rechnet mit einer Zunahme häuslicher Gewalt.

Die Kriminalität in der Öffentlichkeit geht also zurück - die Kriminalität hinter verschlossenen Türen nimmt dagegen zu. Erste Zahlen aus Italien und China bestätigen diese Tendenz. Und auch in Berlin belegen aktuelle Zahlen diese Annahme: Vom 1. bis 24. März stiegen die Gewalttaten in Familien, oft von Männern gegen Frauen und Kinder gerichtet, um knapp 11 Prozent.

Sie sind selbst Opfer von häuslicher Gewalt oder kennen jemanden, der davon betroffen ist? Hier bekommen Sie Hilfe in Notsituationen.