Kreml-Kritiker Nemzow in Moskau erschossen: "Das System Putin ist für diesen Mord verantwortlich"

21. April 2015 - 17:54 Uhr

Benjamin Seebach sprach mit Dirk Emmerich

Wieder ist ein russischer Oppositionspolitiker einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Mit vier Kugeln in den Rücken wurde Boris Nemzow unweit des Kremls hingerichtet. Das Motiv für die Tat ist noch unklar. Fest steht aber, dass Nemzow alles andere als ein Freund Putins war. Hat ihn das letztlich zur Zielscheibe gemacht und welche Rolle spielte er überhaupt innerhalb der russischen Opposition? Wir haben darüber mit unserem RTL-Reporter Dirk Emmerich gesprochen.

Boris Nemzow in Moskau erschossen
Mit Boris Nemzow (rechts) hat die Opposition eine weitere starke Stimme verloren, sagt RTL-Reporter Dirk Emmerich.
© dpa, -

Frage: Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie von der Ermordung Boris Nemzows hörten?

Dirk Emmerich: "Erstens dachte ich, dass der Auftragsmord bestimmt kein Zufall ist. Zweitens, der Tatort: In unmittelbarer Nähe des Kremls. Wo unzählige Kameras aktiv sind. Wie kann das möglich sein? Dann setzte sofort Kopfkino ein. Steckt der Kreml dahinter? Denn diese Vermutung liegt ja nahe. Zweifellos ist das eine Zäsur. Dieser Mord teilt Russland in ein Davor und ein Danach."

Welche Rolle spielte Nemzows in der ohnehin übersichtlichen Opposition?

"Nemzow ist ein profilierter Oppositionspolitiker. Zwar wurde die Opposition in den letzten Jahren immer mehr ins Abseits gedrängt, doch er hatte sich immer wieder zu Wort gemeldet. Er gehörte zur Riege der Oppositionspolitiker – um Kasparow, Ex-Ministerpräsident Kasjanow und Nawalny, der allerdings schon zur neueren Oppositions-Generation zählt – die bis zum Schluss nie den Eindruck erweckt haben, dass sie sich ins Abseits drängen lassen. Wenn gleich man sagen muss, dass die Opposition im öffentlichen Leben in Russland so gut wie keine Rolle spielt."

In welchem Verhältnis stand er zu Putin?

"Ich glaube, sie hatten kein Verhältnis – sie wussten nur von der Existenz des jeweils anderen. Putin begegnete jedem Vorstoß aus dem Lager der Opposition immer mit großer Skepsis. Neben seinen liberalen Ansichten betonte Nemzow immer, dass Putin eine Bürgerbewegung in Moskau fürchte, wie wir sie zuletzt auf dem Maidan in Kiew gesehen haben. Offenbar stand Nemzow ja auch kurz vor der Veröffentlichung einer Untersuchung, die die Verstrickung Russlands in den Krieg in der Ostukraine aufzeigen sollte. Auch das dürfte Putin ein Dorn im Auge gewesen sein."

Hat ihn genau das zur Zielscheibe gemacht?

"Ja, das glaube ich schon. Aber man sollte sich das auch nicht zu leicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Putin eine Anweisung gegeben hat, Nemzow aus dem Weg zu räumen. Aber selbst wenn der Auftrag nicht von ihm persönlich kam, so ist ganz klar das System Putin, das System des heutigen Russlands für diesen Mord verantwortlich. Am Ende stirbt mit Nemzow auch ein bisschen Hoffnung, dass die Opposition mal wieder eine starke Stimme bekommt."

"Am Ende werden wieder Bauernopfer vor Gericht gestellt"

Nemzow wurde an einem sehr öffentlichen Platz mit vier Kugeln in den Rücken sozusagen hingerichtet. Was sagt uns das?

"Die Masse der Schüsse möchte ich nicht deuten. Aber es ist schon bezeichnend und hat auch eine tiefe Symbolik, dass das in unmittelbarer Kreml-Nähe geschehen ist. Die Täter müssen sich ihrer Sache sehr sicher gewesen sein, ihr Vorhaben trotz dieser Öffentlichkeit so durchzuführen. Schließlich wäre es für sie doch viel einfacher gewesen, ihm in der Nähe seiner Wohnung aufzulauern, um dieses Verbrechen zu begehen. Wahrscheinlich wird es am Ende wieder so sein wie immer in Russland: Bauernopfer werden vor Gericht gestellt und müssen letztlich ihren Kopf hinhalten. Die Hintermänner bleiben im Dunkeln.

Es ist ja nicht der erste Auftragsmord. Wir erinnern uns an: Anna Politkowskaja, Alexander Litwinenko und Boris Beresowski, die beide in London unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen sind. Am Ende fällt immer ein tiefer Schatten auf den Kreml, der dafür die politische Verantwortung übernehmen muss."

Russische Medien spekulieren, dass westliche Mächte ihre Hände bei dem Attentat im Spiel haben…

"Dass die russische Seite versucht, den Ball in die Reihen der Opposition zurückzuspielen, die zerstritten sei und deshalb Nemzow ausschalten wollte oder sogar westliche Geheimdienste dafür verantwortlich macht, ist aus meiner Sicht lächerlich und absolut unglaubwürdig. Darüber hinaus hat das natürlich Methode: Westliche Mächte für innenpolitische Probleme verantwortlich zu machen.

Am Ende ist es sogar zynisch, dass Putin unmittelbar nach der Tat versprochen hat, dafür Sorge zu tragen, dass dieses Verbrechen aufgeklärt wird. Schließlich ist Putin dafür verantwortlich, dass in diesem Land solche Verbrechen überhaupt möglich sind – wenn er nicht sogar in hohem Maße beteiligt ist."