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Kreml-Kritiker Chodorkowski: Gestern noch im Straflager, heute schon Berlin

Kreml-Kritiker Chodorkowski: Gestern noch im Straflager, heute schon Berlin

Ex-Außenminister Genscher holt Freigelassenen am Flughafen ab

Was für eine Inszenierung: Der einst reichste Mann Russlands, soeben nach 10 Jahren Haft aus dem Straflager entlassen, nachdem ihn der Kremlchef amnestiert hat, ist nach Deutschland ausgereist. Abflug per Helikopter, weiter mit einem Privatjet, auch ein Pass und das nötige Visum liegen schon bereit - staunend verfolgt Russland jede spektakuläre Wendung im Fall Michail Chodorkowski.

Kreml-Gegner Chodorkowski in Deutschland Hans-Dietrich GEnscher
Hans-Dietrich Genscher kehrt noch einmal ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit zurück und holt den prominenten Ex-Sträfling Michail Chodorkowski am Berliner Flughafen ab.
Reuters, HANDOUT

In Deutschland will der schärfste Kritiker von Kremlchef Wladimir Putin nach offiziellen russischen Angaben seine krebskranke Mutter treffen. Die ist aber noch in Russland, sagt sie selbst. Überhaupt wirken die Eltern völlig überrascht. Sie richten aus, sie hätten ihren Mischa in der russischen Hauptstadt erwartet. Auch Tochter Anastassija Chodorkowskaja gibt noch Interviews in Moskau. Nächster Akt könnte sein, dass die alte Dame nun ihrerseits nach Deutschland reist, um den freigelassenen Sohn wiederzusehen. Dies berichtet das Magazin 'Spiegel' und beruft sich dabei auf Hans-Dietrich Genscher. Genscher? Richtig, der ehemalige Dauer-Bundesaußenminister hatte bei Chodorkowskis Ausreise seine Finger im Spiel. Der frühere FDP-Chef hatte den prominenten Russen am Flughafen Berlin-Schönefeld in Empfang genommen.

In Russland geht die medienwirksame Charmeoffensive von Kremlchef Putin unterdessen weiter. Von seiner plötzlichen Milde profitieren andere Kritiker, die im Zuge einer Massenamnestie auf freien Fuß gesetzt werden. So sollen auch die beiden inhaftierten Punkmusikerinnen der Band Pussy Riot folgen. Ihre Verwandten sind bereits in die Straflager gereist.

Putins Charmeoffensive ist vermutlich Olympia zu verdanken

Kritiker des früheren Geheimdienstchefs Putin vermuten hinter diesen Zugeständnissen an den Westen nicht viel mehr als geschickte Winkelzüge. Der Druck auf Russland war angesichts eines kritischen Dauerfeuers von Menschenrechtlern an der Lage im Land enorm. Immer mehr westliche Politiker verzichten auf Reisen zu den ersten Olympischen Winterspielen in Russland, die am 7. Februar beginnen. Im Schwarzmeerort Sotschi hat Putin alles für einen in der olympischen Geschichte einmaligen Aufwand herrichten lassen - ein Ringe-Spektakel der Superlative, mit Kosten von mindestens 37,5 Milliarden Euro.

Nun sind die Signale an den Westen unübersehbar: Auf Drängen des Internationalen Olympischen Komitees IOC lässt Putin ein Demonstrationsverbot in Sotschi aufheben, das während der Wettbewerbe gelten sollte. Diese Woche dann die Massenamnestie für seine in Straflager verbannten Kritiker und für Umweltschützer der Organisation Greenpeace.

Viele Beobachter fragen sich allerdings, ob Putin tatsächlich die Zügel lockert. Oder wird mit dem Erlöschen des Olympischen Feuers alles vorbei sein? Immerhin sind die vielen vom Westen kritisierten Gesetze weiter in Kraft - gegen Nichtregierungsorganisationen, gegen die Opposition, gegen Homosexuelle. Die Staatsduma verabschiedet im Trubel erneut ein umstrittenes Gesetz. So macht sich strafbar, wer Unabhängigkeitsbestrebungen russischer Regionen unterstützt. Auch halten sich in Moskau Gerüchte über eine Abmachung der Erzfeinde. Der prominente Politologe Dmitri Trenin vom Carnegie Center in Moskau glaubt, dass Chodorkowski seine Freiheit gegen Exil im Ausland eintauschen musste.