Kreißsäle und Betten gestrichen

Werdende Eltern in Not: Geburtsstationen fallen Rotstift zum Opfer

Kreißsäle und Betten fallen dem Rotstift zum Opfer
Kreißsäle und Betten fallen dem Rotstift zum Opfer
© dpa, Armin Weigel, awe

05. Oktober 2020 - 15:11 Uhr

Die Zahlen scheinen unglaublich: Trotz gleich bleibender Geburtenzahlen sind in den vergangenen 20 Jahren jede dritte Geburtsstation und fast die Hälfte aller Klinikbetten für junge Mütter weggefallen. 

Der oft schönste Tag im Leben junger Eltern wird nicht selten von einer düsteren Erfahrung überschattet: Ausgerechnet zur Geburt ihres Kindes erleben sie volle Kreißsäle oder werden - trotz einer in den Wehen liegenden Mutter - wegen Überfüllung abgewiesen und müssen in eine andere, meist weiter entfernt liegende Klinik fahren. Dabei sind in den vergangenen Jahren in vielen ländlichen Regionen die Fahrtwege zum nächstgelegenen Krankenhaus mit Geburtsstation auch so schon deutlich länger geworden.

Diese subjektive Erfahrung einer sich verschlechternden Versorgung untermauern nun Zahlen, die die Bundestagsfraktion der Linken beim Bundesministerium für Gesundheit abgefragt hat: Der RTL und ntv exklusiv vorliegenden Antwort des Ministeriums zufolge verschwanden zwischen 1998 und 2018 ein Drittel aller klinischen Fachabteilungen für Frauenheilkunde und 45 Prozent aller Behandlungsbetten in diesem Bereich - und das bei einer gleichbleibenden Zahl an Geburten.

Sparen auf Kosten der Frauen

In konkreten Zahlen: Von 1173 Fachabteilungen mit Kreißsaal fielen binnen 20 Jahren 395 weg. Der Verlust um ein Drittel übersteigt deutlich den Wegfall von Krankenhäusern, deren Zahl um 15 Prozent zurückging. Kliniken haben ihre Geburtsstationen also gestrichen.  Dabei wurden 1998 rund 779.000 Kinder geboren, 2018 waren es mit rund 773.000 fast genauso viele. Den Tiefstwert in diesem Zeitraum markiert das Jahr 2011 mit 654.000 Neugeborenen.

"Ausgerechnet in der medizinischen Versorgung von Frauen ist doppelt so viel gestrichen worden, als im Durchschnitt der Krankenhäuser", kritisiert der Parlamentarische Geschäftsführer der Linken, Jan Korte, im Gespräch mit RTL und ntv. Er macht die Privatisierung des Gesundheitssystems durch die Einführung von Fallpauschalen für den Rückgang des Angebots mitverantwortlich: "Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass Krankenhäuser weder Angebot noch Qualität an der Wirtschaftlichkeit von Abteilungen festmachen, sondern am Bedarf in der Bevölkerung", erklärte Korte. "Und erst recht darf die Behandlung oder die Verweildauer von Müttern auf der Station nicht daran festgemacht werden, ob sie lukrativ ist oder nicht."

Regierung interpretiert Zahlen anders

Die Bundesregierung bestreitet einen außerordentlichen Wegfall: "Der Rückgang von Krankenhaus- und Bettenkapazitäten entspricht grundsätzlich einem allgemeinen Trend, der in unseren europäischen Nachbarländern regelhaft deutlich stärker ausgeprägt ist als hierzulande", heißt es in der Antwort des Parlamentarischen Staatssekretärs im Gesundheitsministerium, Thomas Gebhart, an die Linksfraktion. Auch wenn die Bundesregierung das Thema Versorgungssicherheit von Schwangeren "ein wichtiges Anliegen" sei, seien "Engpässe in Einzelfällen nicht auszuschließen".

Einen Teil des Wegfalls von Fachabteilungen und Betten erklärt das Ministerium mit der Übernahme von Krankenhäusern und durch Fusionen. Demnach würden weniger Stationen nicht zwingend zu einer geringeren Behandlungskapazität führen.

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Ministerium verweist auf Fortschritte

Auch in der Frage der Versorgungssicherheit sieht das Ministerium keine akute Not: Ein Gutachten des Ministeriums aus dem Jahr 2018 belege, dass 97 Prozent aller Frauen in Deutschland binnen 40 Minuten eine Geburtsstation erreichen könnten. Vor allem aber streicht das Ministerium heraus, was von der Großen Koalition alles zu Verbesserung der Lage unternommen worden sei:

· ein sogenannter Sicherstellungszuschuss gewähre Kliniken Zuschüsse, wenn Kernversorgungsaufgaben wie die Geburtshilfe in dünnbesiedelten Regionen nicht kostendeckend angeboten werden könnten

· nach dem gleichen Prinzip würde seit 2020 zusätzliches Pflegepersonal für bis zu 400.000 Euro finanziert; Grundlage ist das von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn durchgebrachte Pflegepersonal-Stärkungsgesetz

· ein Ende September im Kabinett verabschiedetes Gesetz soll zudem zusätzlich Hebammen und hebammenunterstützendes Personal finanzieren


Selbst Frühchen sind vor dem Personalmangel nicht sicher

Fraglich ist, ob allein mehr Geld die teilweise eklatanten Personalprobleme in den Kliniken löst. Nach Angaben der Bundesregierung ist auf den Geburtsstationen bisher kein Personalschlüssel vorgegeben. Den gebe es nur für Stationen, die auf Frühgeburten spezialisiert sind. Weil die Kliniken aber Probleme gemeldet hätten, die Vorgaben umzusetzen, gelten derzeit "Übergangsfristen hinsichtlich der Mindestanforderung". Im Klartext: Nicht einmal bei der Versorgung von oft um ihr Leben kämpfenden Frühchen können Bund und Länder derzeit eine Mindestanzahl an Pflegekräften sicherstellen.

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