Krawalle in Chemnitz: Polizei hat die Lage völlig unterschätzt

Die Polizei war von der Größe der rechten Demo überrascht.
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28. August 2018 - 8:37 Uhr

Die sächsische Stadt wird zum Pulverfass - Rechte und Linke prallen aufeinander

Chemnitz kommt nach dem tödlichen Messer-Überfall auf einen Deutschen nicht zur Ruhe. Bei neuen Krawallen zwischen linken und rechten Demonstranten am Abend sind mindestens 20 Menschen verletzt worden. Die Polizei hat die Lage völlig falsch eingeschätzt und gerät nun ins Kreuzfeuer.

Polizeisprecher räumt öffentlich Fehler ein

Die Stimmung ist aggressiv. Rechte, Linke und Einsatzkräfte der Polizei prallen in der Chemnitzer Innenstadt aufeinander. Böller und Flaschen fliegen aus beiden Lagern. Wasserwerfer werden aufgefahren. Die Situation gerät völlig außer Kontrolle - wie schon am Sonntag bei der Hetzjagd auf Dunkelhäutige.

Die Schuld daran liegt auch bei der Polizei: Die Beamten haben die Lage vor Ort völlig falsch eingeschätzt und räumen nun Fehler ein. Man habe mit Hundert Teilnehmern gerechnet und sich entsprechend darauf vorbereitet, so ein Polizeisprecher. Noch am Montagnachmittag hatte Polizeipräsidentin Sonja Penzel versichert, das ausreichend Kräfte angefordert werden. Es werde nicht zugelassen, dass Chaoten die Stadt vereinnahmen, sagte sie.

Dabei hatten Rechtsextreme und AfD unter anderem im Internet zu Großaufzügen aufgerufen. Am Montagabend zogen mehr als 5.000 linke und rechte Demonstranten durch die Stadt. Mit mehr Einsatzkräften vor Ort wäre die Lage vermutlich nicht in dem Ausmaß eskaliert.

Demonstranten zeigen Hitlergruß – die Polizei schweigt

Right-wing supporters protest after a German man was stabbed last weekend in Chemnitz, Germany, August 27, 2018. REUTERS/Matthias Rietschel
Eskalationen auf beiden Seiten der Demos, Bengalos und Böller wurden gezündet.
© REUTERS, MATTHIAS RIETSCHEL, ANF

Rechtsextreme trugen Plakate mit der Aufschrift "Wir sind bunt bis das Blut spritzt", einige zeigten sogar den verbotenen Hitlergruß. Doch die Polizei griff nicht ein und ließ den rechten Mob gewähren. Sie waren deutlich in der Unterzahl und konnten nur wenige Personen in Gewahrsam nehmen. 

Ein Polizeisprecher räumt ein: "Wir hatten nur einen Tag für die Einsatzplanung. Die Zeit reichte einfach nicht aus, um einzuschätzen, wie viele dann wirklich dem Demo-Aufruf der Rechten im Internet folgen."

Die Szenen aus Chemnitz erinnern an die Ausschreitungen in Heidenau vor drei Jahren. Damals hatte ein wütender Mob in der Kleinstadt nahe Dresden einen Baumarkt belagert, in dem Geflüchtete untergebracht werden sollten. Zwei Abende in Folge blockierten sie die Zufahrt und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei.

Sachsens Innenminister: "Neue Dimension der Gewalt"

Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) hat nach der Eskalation ein entscheidendes Durchgreifen angekündigt. Man werde Gewaltbereiten und Chaoten nicht die Straße überlassen, sondern den Rechtsstaat durchsetzen, sagte er.

Politiker aus Bund und Land verurteilten die Ausschreitungen scharf. "In Deutschland ist kein Platz für Selbstjustiz, für Gruppen, die auf den Straßen Hass verbreiten wollen, für Intoleranz und für Extremismus", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Innenminister Horst Seehofer (CSU) wollte sich gestern zunächst nicht äußern, sondern genauere Berichte abwarten. Beobachter gehen davon aus, dass die Situation in der Stadt zunächst angespannt bleiben könnte