Korruption und Kosten der Fußball-WM treiben Menschen auf die Straße - Ausschreitungen in Brasilien

23. Juni 2013 - 9:41 Uhr

Bürgerkriegsähnliche Zustände in Rio

Sonne, Samba, Fußball und Meer. Die Welt freut sich auf die Fußball-WM in Brasilien im kommenden Jahr, doch im Land des Rekordweltmeisters ist die Vorfreude längst umgeschlagen. Wegen der hohen Kosten für das Fußballfest laufen derzeit die größten Proteste seit 20 Jahren.

Brasilien, Proteste
In Rio de Janeiro gab es bei Demonstrationen gegen die Korruption heftige Ausschreitungen. Die Proteste entzündeten sich an den hohen Kosten für die Fußball-WM 2014.
© REUTERS, SERGIO MORAES

Bei den Demonstrationen sind rund 200.000 Menschen durch die Straßen mehrerer großer Städte gezogen und haben ihren Ärger über Korruption, Polizeigewalt und schlecht arbeitende Verwaltungen Luft gemacht.

Protestaktionen, die teilweise über soziale Netzwerke organisiert wurden, gab es in mehr als einem halben Dutzend Städten, darunter in Sao Paulo, Rio de Janeiro, Belo Horizonte und Brasilia.

Allein in Rio demonstrierten schätzungsweise 100.000 Menschen zunächst friedlich. Vor dem Regionalparlament spielten sich jedoch bürgerkriegsähnliche Szenen ab, als Vermummte versuchten, das Gebäude in Brand zu setzen.

Brasilien hat mit wirtschaftlicher Stagnation zu kämpfen

Auslöser der massiven Protestwelle war eine Erhöhung der Fahrpreise für Busse Anfang des Monats. Inzwischen richten sich die Proteste aber auch gegen die Milliarden-Ausgaben für die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016. "Schluss mit der Korruption" und "Für ein besseres Brasilien" stand auf den Plakaten. Auch Forderungen nach mehr Geld für Schulen, Universitäten und Hospitäler wurden erhoben.

In Rio war die Gegend um das historische Gebäude des Teatro Municipal praktisch völlig durch die Menschenmassen blockiert. Der Marsch verlief friedlich. Doch Hunderte Randalierer attackierten das Regionalparlament in Rio. Sie warfen Steine auf das Gebäude, rissen Absperrungen um und zündeten Feuer auf der Straße an. Ein Auto ging in Flammen auf. Molotow-Cocktails flogen.

Nach Medienangaben wurden mehrere Polizisten verletzt. Im Inneren des Parlaments verbarrikadierten sich Beamte. Parlamentspräsident Paulo Mello sprach von einem "Akt des Terrorismus". Einige der Angreifer zündeten Feuer direkt am Gebäude an. In der Umgebung des Parlamentes wurden die Scheiben mehrerer Banken eingeworfen.

Hunderte Demonstranten besetzten in Brasília stundenlang ein Zwischendach des Kongresses. Vor dem von Oscar Niemeyer entworfenen weltbekannten Gebäude warteten starke Polizeieinheiten, griffen aber nicht ein. Der Zugang zum Präsidentenpalast Palácio do Planalto wurde hermetisch abgeriegelt, wie auf Fernsehbildern zu sehen war.

In Porto Alegre gingen 10.000 Menschen auf die Straße. Dort wurde ein Bus angezündet. Die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse ein. In São Paulo nahmen über 60.000 Menschen an einem Marsch teil. Proteste wurden auch aus Salvador, Belém, Recife, Fortaleza und Belo Horizonte gemeldet. In den US-Städten Los Angeles, New York, Chicago und Boston organisierten Hunderte Brasilianer Aktionen, um sich zu solidarisieren.

Auch brasilianische Fußballspieler und andere Sportler zeigten sich mit den Demonstranten solidarisch. "Lasst uns zusammen marschieren, Brasilien. Ich liebe mein Volk und werde euch immer unterstützen", twitterte Fußball-Nationalspieler und Bayern-München-Profi Dante. Seine Kollegen wie Dani Alves, Robinho oder Kaká begrüßten die wachsende Protestbewegung ebenfalls. "Ich bin auf der Seite des brasilianischen Volkes im Kampf für ein besseres Brasilien", teilte Formel-1-Pilot Felipe Massa auf Twitter mit.

Der Fußball-Weltverband FIFA sieht trotz der Massendemonstrationen keinen Grund, sein Sicherheitskonzept für den Confed-Cup zu überdenken. Die Sicherheitsbehörden würden alles dafür tun, "dass auch die Fans nicht negativ betroffen sind", sagte OK-Sprecher Saint-Clair Milesi. Brasiliens stellvertretender Sportminister und FIFA-Abteilungsleiter Federico Addiechi äußerten sich sogar positiv übe die Demonstrationen – solange sie friedlich verlaufen: "Wir hatten 20 Jahre eine Diktatur. Das Recht auf Demonstrationen und freie Meinungsäußerung sind ein wesentlicher Bestandteil unseres freien Lebens", sagte Fernandes.

Brasilien hat mit wirtschaftlicher Stagnation zu kämpfen: Das Wachstum schwächelt, die Inflation läuft aus dem Ruder, Reformen bleiben auf der Strecke und die Staatsschulden steigen. Die Landeswährung Real ist zuletzt auf den tiefsten Stand seit vier Jahren gefallen.

Für dieses Jahr hatten viele Analysten einen Aufschwung erwartet. Doch hausgemachte Probleme wie bürokratische Hürden, komplizierte Steuergesetze und staatliche Interventionen schrecken Investoren ab. Hinzu kommt die schwächelnde Nachfrage aus dem Ausland, allen voran der schwindende Rohstoffhunger des wichtigen Handelspartners China.