Insulin oder Heroin?

"Ich werde mich weiterhin in der Öffentlichkeit spritzen"

Viele Diabetiker müssen sich mehrmals am Tag Insulin spritzen.

03. Juli 2020 - 15:51 Uhr

Ein Kommentar von Antonia Giese

Die Hamburger Polizei wollte mit ihrer neuen Kampagne Bürger zum wachsamen Hinschauen und Zivilcourage motivieren. Bei einem Plakat will man jedoch nur noch wegschauen. Ein Mann sitzt auf einer Bank, neben ihm liegt eine offene Spritzkanüle. Die Überschrift des Bildes: "Insulin oder Heroin? Geh auf Nr. sicher, ruf die Polizei."

RTL-Reporterin Antonia Giese ist selbst Typ-1-Diabetikerin und konnte nicht glauben, für was die Hamburger Polizei da aufruft.

Bin ich jetzt etwa ein Junkie?

Eine moderne Insulin-Spritze über einigen Stückchen Würfelzucker (Bild vom 29.11.2005). Foto: Frank Rumpenhorst +++(c) dpa - Report+++
So sehen die Pens aus, mit denen sich Diabetiker Insulin spritzen.
© picture-alliance/ dpa/dpaweb, Frank Rumpenhorst

Seit acht Jahren bin ich Typ-1-Diabetikerin. Und nein, ich bin nicht übergewichtig. Meine Bauchspeicheldrüse war nur 2012 der Meinung, dass sie plötzlich keine Lust mehr hat, körpereigenes Insulin auszuschütten, sobald ich Kohlenhydrate zu mir nehme. Deswegen muss ich seitdem immer, wenn ich Kohlenhydrate esse oder trinke – und das passiert oft, denn ich bin eine richtige Naschkatze – Insulin in meinen Bauch spritzen.

Seit meiner Diagnose gehe ich offen mit meiner Krankheit um. Was soll ich sonst auch machen, Heilungsmöglichkeiten gibt es noch keine. Also spritze ich mich mehrmals am Tag. In der Einkaufsstraße, wenn ich Pommes esse. Im Club, nachdem ich einen Caipirinha bestellt habe. Am Mittagstisch mit Kollegen, weil die Pizza im Anmarsch ist. Diese für mich lebensnotwendigen Maßnahmen sollen jetzt also – laut Hamburger Polizei – mit Sirenen und Blaulicht untermalt werden. Hervorragend. 

Diese Kampagne ist wirklich unmöglich

Ich starre auf die paar Wörter, die die Hamburger Polizei offenbar unüberlegt auf ihr Plakat geklatscht hat: "Insulin oder Heroin? Geh auf Nr. sicher, ruf die Polizei." Ich starre sie an und kann nicht glauben, für was die Polizei da gerade aufruft. Haben die nicht genug echte Notrufe, um die sie sich kümmern müssen, frage ich mich. Für viele Diabetiker ist es ohnehin schon schwierig, zu ihrer Krankheit in der Öffentlichkeit zu stehen. Insulin spritzen auf offener Straße, für viele noch immer ein Tabuthema. Jetzt werden Mitbürger, die das sehen, auch noch dazu aufgefordert, lieber einmal mehr die 110 zu wählen. Nein, das ist ein absolut falsches Zeichen.

"Da kann man nur klatschen"

Für die Kampagne musste die Hamburger Polizei ordentlich Kritik einstecken. Unter ihrem Post gab's einen heftigen Shitstorm: "Dem nächsten frisch diagnostizierten Diabetiker, der sich endlich traut auch in der Öffentlichkeit zu spritzen, wird die Polizei auf den Hals gehetzt." "Diabetiker trauen sich so in der Öffentlichkeit gar nicht mehr das lebenswichtige Medikament zu spritzen." "Eine Aktion worüber man nur den Kopf schütteln kann. Erniedrigend für alle Diabetiker." Mittlerweile hat die Hamburger Polizei das Plakat von ihrer Facebookseite genommen. Das blöde Gefühl von der Polizei mit einem Junkie verglichen zu werden, das bleibt jedoch.

Ich hoffe, dass sich meine Diabetes-Leidensgenossen dadurch nicht entmutigen lassen, sich weiterhin in der Öffentlichkeit zu spritzen. Mich wird man auch zukünftig auf offener Straße mit Spritze sehen. Nicht, weil ich die Polizei etwa zu unnötigen Einsätzen rausrufen will, sondern, weil es für mich eine lebenswichtiges Maßnahme ist.