Appell in Zeiten von Corona

Bitte macht uns unsere neue Freiheit nicht kaputt!

In Göttingen gab es einen größeren Corona-Ausbruch
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02. Juni 2020 - 17:21 Uhr

Kommentar von Tobias Elsaesser

Es ist die elfte Woche, die ich im Homeoffice sitze. Manche Kollegen sehe ich nur noch bei Videokonferenzen, die meisten gar nicht. Mittag esse ich alleine, Konversation gibt es dabei nur über den Messenger, wenn überhaupt. Ich weiß nicht aus dem Kopf, seit wann im Supermarkt Maskenpflicht ist, gefühlt ewig. Als ich das letzte Mal bei meinen Eltern war, musste man noch einen Mantel tragen.

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Oma und Opa hätten über meine Probleme wohl müde gelächelt

Das Coronavirus hat unser Leben völlig neu definiert. Mit Entbehrungen und voller neuer Regeln. Regeln und Entbehrungen, über die meine Großeltern wahrscheinlich müde gelächelt hätten. Sie hätten gesagt: "Was willst Du? Du lebst in einem freien, friedlichen Land und bist gesund."

In der Tat, ich bin gesund. Das verdanke ich nicht nur meinem Immunsystem, sondern auch der Tatsache, dass ich mich an die Regeln halte. Und dass ich das Glück habe, in Deutschland zu leben. Ich wäre gerade ungern in Italien oder den USA, Spanien oder Brasilien. Speziell in den USA und Brasilien kann man sehen, was passiert, wenn man sich nicht an die Regeln hält oder keine hat. Das kann man jetzt auch in Göttingen sehen.

Ein paar Unvernünftige feiern und bringen alle in Gefahr

Dort haben sich 68 Menschen mit dem Coronavirus angesteckt. Den Berichten zufolge haben sich diese Menschen auf privaten Feiern und in einer illegal geöffneten Shisha-Bar infiziert. Die Folge: Über 300 Kontaktpersonen, die nun in Quarantäne müssen. Darunter sind über 50 Kinder. Die Schulen, die sie besuchen, müssen nun ihre Regeln verschärfen. Wofür? Für ein bisschen Spaß und ausgiebigen sozialen Kontakt. Ganz nach dem Motto: "Diese Freiheit nehm' ich mir".

Diese Freiheit, die aufgrund der Corona-Maßnahmen so mancher in Gefahr sieht, würden sich wohl die meisten gerne nehmen. Mal wieder feiern, mal wieder guten Freunden und lieben Familienmitgliedern in die Arme fallen. Normalität eben. Doch zurzeit gibt es Normalität nur zusammen mit dem unsichtbaren Virus, das jederzeit zuschlagen kann, und das ist nun einmal alles andere als normal. Und gefährlich. Verhalten sich noch ein paar mehr Leute so gedankenlos, dann geht es ganz schnell und wir sind wieder da, wo wir Ende März schon mal waren. Alles geht wieder von vorne los und dauert entsprechend länger.

Niemand lässt sich gerne bevormunden

Die Sehnsucht nach Normalität ist enorm, die Fragen sind riesig, und die Situation ist für alle neu und schwierig. Die Versuchung ist groß, aufzustehen und auf seine Grundrechte zu pochen. Niemand lässt sich gerne bevormunden. Doch diejenigen, die im Namen der Freiheit und Grundrechte die Regeln brechen, und auch diejenigen, die sich dem Ernst der Situation nicht bewusst sind und sich weiter so verhalten, als wäre nichts, haben eines vergessen. Und zwar das, was die Freiheit so schwer und so wertvoll macht: Verantwortung.

Ohne Verantwortung funktioniert Freiheit nicht. Jeder soll glauben, was er will, denken, was er will, sagen, was er will, und auch tun, was er will. Dabei sollte er jedoch nicht vergessen, dass er nicht allein auf der Welt ist, und dass sein Handeln Auswirkungen auf jeden anderen, mit den absolut gleichen Rechten ausgestatteten, Menschen hat. Nur so funktioniert das Miteinander.

Bitte: Seid euch eurer Verantwortung bewusst!

Wir stoßen hier nicht in neue revolutionäre Sphären der Gesellschaft vor und wir marschieren auch nicht blind in die Unmündigkeit. Im Gegenteil, es ist altbekannt, vielleicht nur in Vergessenheit geraten: Es gibt kein Miteinander ohne Rücksicht, keine Rechte ohne Pflichten und keine Freiheit ohne Verantwortung. Also seid euch dieser Verantwortung bewusst – denn auf die kommt es zurzeit mehr denn je an!

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