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Kommentar: Max Eberls bittere Tränen der Stärke

Zeichen gegen grausames System

Max Eberls bittere Tränen der Stärke

Max Eberl hat mit seinem Rücktritt und vor allem mit seiner Wortwahl bei selbigem ein wichtiges und richtiges Zeichen gesetzt.
Max Eberl hat mit seinem Rücktritt und vor allem mit seiner Wortwahl bei selbigem ein wichtiges und richtiges Zeichen gesetzt.
mb jai sab gfh nic jai, dpa, Marius Becker

Ein Kommentar von David Bedürftig

Max Eberl zieht die Notbremse, anstatt weiter stumm zu leiden. Er sendet damit ein wichtiges Signal der Offenheit, denn das Fußball-Geschäft kann den Menschen auf Dauer ruinieren. Auch die deutsche Leistungsgesellschaft muss dieses ungesunde System ändern.

Sogenannte "Schwäche" wird zur Stärke

Zusammengesackt saß er da. Max Eberl, der Lautsprecher. Die One-Man-Show von Borussia Mönchengladbach. Der immer kämpfende, gerne die Gegner piesackende, und sonst um kein Wort verlegene Sportdirektor wusste nicht weiter - und weinte. Es waren bittere Tränen, weil der Druck des Fußball-Business ihn zerfressen hatte. Ihn so weit an den Abgrund getrieben hatte, dass selbst Alpha-Männchen Eberl nicht mehr anders konnte, als sich einzugestehen, dass Schluss sein muss. Und deshalb waren es Tränen der Stärke, die Eberl gewiss - oder besser: hoffentlich - nicht umsonst vergoss. Sie müssen als Zeichen gegen ein erbarmungsloses System fungieren.

"Ich will einfach raus, ich will einfach mit diesem Fußball gerade nichts zu tun haben. Ich will Spaß haben. Ich will Max Eberl sein." Dieser Max Eberl, er war also nicht mehr. Schon länger. Innerlich flehte er Monate oder Jahre, kämpfte mit sich selbst, endlich den Schritt zum Rücktritt zu wagen. Ein Schritt, der gewiss kein Rückschritt ist. Vielmehr ist es ein Schritt der Stärke. Die sogenannte "Schwäche" in sich selbst zuzulassen, zu erkennen, und zu zeigen - viel mächtiger und heilsamer geht es nicht. Eberl hat das nun getan. Er kann stolz auf sich sein, bei aller Trauer über die, die er jetzt zurücklassen muss. Gesundheit steht über allem.

Wider das stumme Leid

Keinen Spaß mehr zu fühlen, bei einer Beschäftigung wie Fußball - das ist selbst für die nicht gut, die die Sportart beruflich ausüben und Teil des Business sind. Aber teilweise ist - schlimmer noch: macht - dieses Geschäft krank. "Ich bin kaputt, erschöpft und kann deshalb nicht mehr arbeiten", klagte Eberl förmlich. Als ob er die vielen anderen innerlich Leidenden erwecken wolle. Denn dass Fußballer am enormen Druck zerbrechen können, dafür gibt es allein in Deutschland genügend Beispiele.

Hinter all dem Ruhm und der Anerkennung, hinter sehr viel Geld, da ist kein Platz für "Schwäche", für Gefühle gegen den schönen Schein. Wer im Fußball emotional überleben will, der "muss" all die öffentliche Härte ausblenden können, die auf einen einprasselt, in jenen Momenten, in denen es nicht gut läuft.

Max Eberl will das alles nicht mehr. Das ist gut so und ein wichtiges Zeichen an das Fußball-Business der Bundesliga und der Welt. Höher, schneller, weiter - und vor allem: immer mehr Spiele und Turniere, immer größere Summen, immer bessere Ergebnisse. So kann das Geschäft den Menschen auf Dauer nur ruinieren. Und sowohl Geschäft als auch Mensch drohen auf Kurz oder Lang zusammenzubrechen. Man solle eben jenen Menschen, forderte Eberl, respektieren in der Berichterstattung und in den sozialen Medien. Aber er meinte auch die Akteure des Fußballs, die oft genauso schnell verurteilen und aufeinander einhacken.

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Eberl wählt den gesunden Weg

Die Tränen Eberls auf der Pressekonferenz sind ein so wichtiger wie seltener Moment. Denn nur vereinzelt blitzt diese menschliche Seite der Fußball-Akteure hervor. In ihrer Welt regieren krank machende Machtfantasien, ungesunder Leistungsdruck, Egoismus und Geld- und Selbstsucht. Fußballer sind eine Ware. Sportdirektoren, das erkannte Eberl rechtzeitig, oft auch. Er zog die Notbremse, anstatt weiter stumm zu leiden.

Ohne beim scheidenden Sportdirektor irgendeine amateurhafte Fremddiagnose zu stellen: Die Themen Depressionen und psychische Last und Erkrankungen sind in der Gesellschaft in Deutschland - noch stärker natürlich im Fußball-Geschäft - immer noch eine ungern geöffnete Tür. Eberl zeigt allen anderen, wie man über die Schwelle schreiten kann, wie Tabus zu brechen sind, und wie gut die im Fußball ungern gesehene Selbstreflexion tut. Um endlich zu sich zu finden, um wieder Spaß am Leben zu haben.

Max Eberl geht nun den ehrlichen und gesunden Weg. Den Weg der Stärke. Wo auch immer er hinführt. Man kann ihm nur wünschen, dass er damit viele Nachahmer findet. Damit das brutale Fußball-System so schnell wie möglich zerbricht und sich in einer Art neu errichtet, die Menschen nicht mehr eiskalt die Lebenskraft aussaugt. Und dann darf sich die deutsche Leistungsgesellschaft gerne ein Beispiel daran nehmen.