2018 M06 19 - 12:50 Uhr

Ein Kommentar von Thomas Reinhart

Ach Loddar, da hast du es dir wieder verdammt leicht gemacht. Lothar Matthäus hat in der "Bild" Mesut Özil in Grund und Boden geschrieben. Der "Kolumnist" beschreibt Özils Spiel als blutleer: "Da ist kein Herz, keine Freude, keine Leidenschaft." Aber traf das beim verlorenen WM-Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Mexiko nicht auf alle DFB-Kicker außer Manuel Neuer und den eingewechselten Marco Reus zu? Daher wirkt Matthäus' Kritik eher wie ein Versuch, sich auf Kosten des beliebtesten Sündenbocks der Nation zu profilieren.

14,3 Prozent Zweikampfquote vs. 91,9 Prozent Passquote

03.06.2018, Russland, Moskau: Lothar Matthäus, ehemaliger deutscher Fußballer, präsentiert den WM-Pokal. Elf Tage vor Anpfiff der Fußball-WM in Russland ist der Pokal nach einer Welttournee in Moskau eingetroffen. «Heute wird Moskau zur Fußballhaupts
Lothar Matthäus hat Mesut Özil in seiner Kolumne scharf kritisiert.
© dpa, Kirill Zykov, AZ nwi

Zunächst mal zu den nackten Zahlen. Sicherlich sind 14 Prozent gewonnene Zweikämpfe, auf denen etwa "Die Welt" rumhackt, ein unterirdischer Wert. Aber: Als Offensivspieler ist es zum einen ohnehin schwieriger, Duelle zu gewinnen. Zum anderen war Özil noch nie als Zweikampfmonster bekannt. Das ist auch gar nicht die Aufgabe des Spielgestalters vom FC Arsenal. Davon abgesehen sah die gesamte deutsche Mannschaft in den Eins-gegen-Eins-Situationen mehr als schlecht aus. Toni Kroos und Sami Khedira wurden ein ums andere Mal leicht überspielt, die zerreißt Matthäus jedoch nicht.

Außerdem: Beim 0:1 war es Mesut Özil, der den weiten Weg zurück sprintete. Nicht Joshua Kimmich, der eigentlich dafür zuständig gewesen wäre. Sicherlich: Im Zweikampf gegen Hirving Lozano hatte der 29-Jährige zu viel Angst vor dem Elfmeter, aber dass er in die Situation kommt, ist der mangelnden Laufbereitschaft seiner Kollegen geschuldet. Özil mangelnden Willen vorzuwerfen, ist hier sicherlich zu kurz gegriffen.

Und offensiv? Da hat Özil das gemacht, was er am besten kann. 91,9 Prozent Passquote sind sicherlich kein schlechter Wert. Der Zehner verteilte die Bälle mit seinem gewohnten Kurzpassspiel. Das ist auch das, was Bundestrainer Joachim Löw von ihm erwartet. Da wirkte Mesut Özil auch weitaus aktiver als beispielsweise Thomas Müller, der total abgetaucht war und übrigens auch gar keine Torgefahr ausstrahlte. Auch etwas, das Matthäus nur Özil vorwarf. (Die Mannschaft - das Zeugnis: Nationalspieler in der Einzelkritik)

Özil war noch nie ein "Mentalitätsmonster"

xuhx, 17.06.2018, Fussball FIFA World Cup WM Weltmeisterschaft Fussball WM 2018: Deutschland - Mexiko, v.l. Toni Kroos (Deutsche Fussball Nationalmannschaft DFB), Mats Hummels (Deutsche Fussball Nationalmannschaft DFB) enttaeuscht, enttaeuscht schaue
Auch Führungsspieler wie Toni Kroos (li.) und Mats Hummels konnten die Kollegen gegen Mexiko nicht mitreißen.
© imago/Jan Huebner, Jan Huebner/Hufnagel, imago sportfotodienst

Das Hauptargument von Matthäus ist dagegen das gleiche Lied, das die sogenannten Experten schon seit Jahren singen. Özils Körpersprache sei "negativ". Er spiele "ohne Freude" und man habe nicht das Gefühl, dass er sich "im DFB-Trikot wohlfühlt". Zunächst einmal hat sich am Sonntag vermutlich kein Nationalspieler im DFB-Trikot wohlgefühlt und außerdem hatte Özil noch nie eine positive Körpersprache. Das ist einfach seine Art. Um die Mitspieler mitzureißen, sind Spieler wie Thomas Müller oder Mats Hummels in der Mannschaft. Aber die haben gegen Mexiko in dieser Hinsicht komplett versagt.

Des Weiteren wirft der 57-Jährige Özil vor, er habe als einziger nach der Hymne den Fans nicht zugewunken. Daraus schließt Matthäus, dass Özil nicht verstanden habe, "was man von einem Nationalspieler erwarte". Man darf doch stark bezweifeln, dass es zur Kernkompetenz eines Nationalspielers zählen muss, nach der Hymne Winke-Winke zu machen. Vielmehr fischt der Rekord-Nationalspieler offenbar in trüben Tümpeln nach Anzeichen, Özil fühle sich den deutschen Fans nicht verbunden. Das Nicht-Mitsingen der Hymne war Matthäus anscheinend zu ausgelutscht. Damit habe er "überhaupt kein Problem". Die Abwägung scheint hier vollkommen willkürlich und gehaltlos.

Zeitpunkt für Stellungnahme verstrichen

13.05.2018, Großbritannien, London. Recep Tayyip Erdogan (2.v.r.), Staatspräsident der Türkei, steht zusammen mit den  Premier League  Fußballspielern Ilkay Gündogan (l),  Mesut Özil (2.v.l.) und Cenk Tosun (r). Der türkische Präsident Erdogan ist zu
Mit diesem Bild setzten sich Ilkay Gündogan und Mesut Özil (mi.) ordentlich in die Nesseln.
© dpa, Uncredited, BO nic

Außerdem kritisiert Matthäus erneut das Schweigen von Mesut Özil in der Erdogan-Affäre und stellt dem gegenüber, dass Ilkay Gündogan sich immerhin geäußert habe. Allerdings hat auch Gündogan keinen Fehler eingestanden, sondern nur seine Treue zu Deutschland und zum DFB-Team bekannt. Özil hat es vorgezogen nichts zu sagen, was angesichts seines sonstigen Umgangs mit der Presse nicht überrascht. Das Krisenmanagement in dieser Sache ist beim DFB insgesamt schwach. Zudem war der Zeitpunkt einer ernsthaften Stellungnahme schon vor Wochen verstrichen. Ein Statement zum heutigen Zeitpunkt würde nur noch aufgesetzt wirken.

Özil-Rücktritt vollkommen aus der Luft gegriffen

Und nun zur letzten Einschätzung der "Bild-Feder" Lothar Matthäus: "Nach den letzten Eindrücken ist es für mich nicht ausgeschlossen, dass er nach der WM aus der Nationalmannschaft zurücktritt." Warum das bitte? Özil ist 29 Jahre alt. Also auf dem Zenit seiner Fußballer-Karriere. Und nur weil ein Sandro Wagner (um in der Matthäus-Sprache zu formulieren) nach der Nicht-Nominierung seine Laufbahn beim DFB beleidigt beendet hat, muss ein Mesut Özil - Achtung! O-Ton Loddar! - den "Sand noch lange nicht in den Kopf stecken".