Elternkolumne von Eva Imhof

Kinder pünktlich von der Schule abholen: Eine Frage des Respekts!

Eva Imhof findet, dass es eine Frage des Respekts ist, seine Kinder pünktlich von der Schule abzuholen.
© Eva Imhof

17. Januar 2020 - 15:52 Uhr

von RTL-Moderatorin und Zwillingsmama Eva Imhof

Gehetzt sprinte ich über den Schulhof in Richtung Klassenzimmer. Ich bin zu spät! Gerade eben saß ich noch in der Bahn, die leider Verspätung hatte und so artet der Spagat zwischen Job und Kindern zu einer Artistennummer aus, die mich manchmal überfordert. Als ich keuchend vor einem der Lehrer meiner Töchter stehe, schmettert er mir lachend entgegen: "Frau Imhof, ruhig Blut! Machen Sie sich doch nicht verrückt wegen dieser paar Minuten! Wir setzen ihre Kinder schon nicht auf die Straße!" In dem Moment muss ich ebenfalls laut lachen.

Schule in England bestraft Eltern, die Kinder zu spät abholen

Einigen Eltern in England ist dagegen gerade gar nicht zum Lachen zumute, denn eine Schule greift jetzt hart durch. Holen Eltern ihre Kinder nicht rechtzeitig ab, dann werden die Eltern bestraft – und wenn es nur fünf Minuten sind: die Eltern müssen drauf zahlen. Im Zweifel kann die Schule sogar das Jugendamt anrufen, wenn die Kinder nicht innerhalb von 30 Minuten nach Schulschluss abgeholt werden. Und schon geht ein Aufschrei los unter den Eltern. Einige bezeichnen es als "Schande" und ich selbst muss auch erst mal schlucken, weil sich diese Maßnahmen im ersten Moment ziemlich krass anhören. Was soll das bedeuten mit dem Jugendamt? Heißt das mir werden im Zweifel die Kinder weggenommen oder was?!

Eltern können manchmal ganz schön dreist sein

Auf den zweiten Blick sieht die Sache allerdings schon wieder etwas anders aus. Mal ganz ehrlich - wir Eltern können manchmal ganz schön dreist sein. Vielleicht haben Sie auch schon von den Geschichten gehört, die sich um das "Småland" eines großen schwedischen Möbelhauses ranken? Dort werden Kinder in schönem Ambiente betreut, so lange die Eltern einkaufen.

In Berlin-Lichtenberg soll es allerdings Eltern gegeben haben, die ihre Kinder dort abgegeben haben, zur Arbeit gefahren um ihre Kinder nach Feierabend wieder abzuholen. Einerseits muss ich sehr schmunzeln über solche Geschichten, andererseits ist ein solches Verhalten natürlich mehr als dreist!

Auch die Betreuungskräfte haben irgendwann Feierabend

Und damit sind wir wieder bei unserem Schulbeispiel. Versetzt man sich nämlich mal in die Lage der Betreuungskräfte, dann sieht die Sache schon anders aus. Die haben auch irgendwann Feierabend und müssen vielleicht auch noch ihre Kinder irgendwo abholen oder ihr Leben organisieren. Und wenn Erzieher länger bleiben, um auf die Kinder aufzupassen, die notorisch zu spät abgeholt werden, dann entstehen Überstunden. Ist doch nur fair, wenn die dadurch entstehenden Kosten den Eltern berechnet werden, oder?!

Übrigens berichtet meine Freundin Kati, die mittlerweile mit ihrer Familie in den USA lebt, dass es dort ganz selbstverständlich sei, dass Eltern für "Überstunden" ihrer Kinder bezahlen: und zwar tatsächlich für jede Minute, die man zu spät kommt. Sie musste das direkt beim Vertrag mit der Kita bzw. Schule unterschreiben. Und für sie ist es total okay: "Müssen wir Eltern halt pünktlich sein oder einen Babysitter organisieren – und den müsste ich ja auch bezahlen!"

Pünktlichkeit ist eine Frage des Respekts und der Prioritäten

Und ganz ehrlich: Wenn wir Eltern einen wichtigen Job haben, kommen wir dann auch zu spät? Nein! Es ist also eine Frage der Prioritäten und des Respekts anderen Menschen gegenüber. Wenn man als Eltern berufstätig ist, kann einen der Druck immer pünktlich sein zu müssen schon extrem stressen, dennoch darf man nicht vergessen, dass Andere länger arbeiten müssen, wenn man seine Kinder regelmäßig zu spät abholt. Und das auszunutzen geht eben einfach nicht!

Wenn wir aber gegenseitig Mitgefühl und Verständnis aufbringen und bei Ausnahmesituationen auch mal ein Auge zugedrückt wird, dann hat das mit Sicherheit auf alle Beteiligten eine wohltuende Wirkung. Denn ich finde ich es genauso schäbig, wenn Lehrkräfte direkt mit dem erhobenen Zeigefinger dastehen und einem das Gefühl vermitteln eine schlechte Mutter zu sein, nur weil man mal fünf Minuten zu spät kommt – sofern dies eine Ausnahme bleibt!

Wir Eltern sind schließlich auch Vorbilder

Und schlussendlich muss ich zugeben, dass ich meine Meinung während der Recherche geändert habe. Als mir eine meiner Kolleginnen erzählt hat, dass eine Schuldirektorin direkt mit der Streichung des Nachmittagsbetreuungplatzes gedroht habe, falls sich die Eltern nicht an die Zeiten halten würden, fand ich das zunächst mal ziemlich unverschämt. ABER möglicherweise weiß sich diese Direktorin einfach nicht anders zu helfen?! Und da fasse ich mir als Mama auch einfach mal selbst an die eigene Nase und erinnere mich daran, dass ich mich an die "Abholregeln" zu halten habe!

War ich zunächst als Mutter entsetzt über das vermeintlich zu harte Durchgreifen der Schule, stelle ich mich jetzt also auf die Seite der Lehrkräfte. Und wir Eltern sind ja schließlich auch Vorbilder. Unsere Kinder lernen automatisch anhand unseres Verhaltens. Und wenn ich ständig meine Kinder zu spät abhole, hat das auch etwas mit mangelndem Respekt gegenüber den Menschen zu tun, die sich jeden Tag in der Schule um meine Kinder kümmern!

Bei uns an der Schule werden 95 Prozent der Kinder pünktlich abgeholt

Als ich übrigens bei uns an der Schule anfragte, wie es dort gehandhabt wird, kam folgende Antwort: "Bei uns werden 95 Prozent der Kinder pünktlich abgeholt. Für die anderen gibt es auch mal ein mahnendes Zettelchen mit. Oder im schlimmsten Fall einen bösen Blick." Und das sagte die befragte Lehrerin mit einem solch fröhlichen Lachen, dass mir klar wurde: Es gibt Schlimmeres...