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Körperliche Gewalt gegen Lehrer immer häufiger: "Wenn Sie mich anfassen, steche ich Sie ab"

Körperliche Gewalt gegen Lehrer immer häufiger: "Wenn Sie mich anfassen, steche ich Sie ab"

Gewalt gegen Lehrer - jede dritte Grundschule betroffen

"Wenn Sie mich noch einmal anfassen, dann steche ich Sie ab!" Mit diesen Worten ist Lehrerin Steffi Kalupke aus dem thüringischen Bad Sulza von einem ihrer Schüler bedroht worden. Dabei wollte sie ihn nur daran hindern, verbotenerweise den Schulhof zu verlassen. Sie sagt, die Kinder hätten schon in jungen Jahren immer weniger Respekt. Eine aktuelle Studie des Lehrerverbandes VBE gibt ihr Recht: Gewalt gegen Lehrer gehört längst zum Alltag - auch schon an Grundschulen.

Psychische Gewalt an jeder vierten Schule

Gewalt gegen Lehrer: Schule . Schülerin zeigt den Mittelfinger
Gewalttaten gegen Lehrerinnen und Lehrer an Schulen sind keine Einzelfälle.
imago stock&people, imago/photothek, Thomas Imo / photothek.net

Die Zahlen sind alarmierend: An etwa jeder dritten Grundschule in Deutschland sind Lehrkräfte in den vergangenen fünf Jahren laut der Studie körperlich angegriffen worden. Anfang 2018 sorgte eine Berliner Grundschule für Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass sie einen Wachschutz engagiert hatte . Die Schule wusste sich nicht mehr anders zu helfen, um Lehrer vor Schülern, Schüler vor Schülern, aber auch Schülern vor gewalttätigen Eltern zu schützen.

Rund jede vierte Schulleitung berichtet von Fällen körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte, über alle Schulformen hinweg. Die Umfrage hatte der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegeben. Fast die Hälfte der Schulleitungen (48 Prozent) gab an, dass es an ihrer Schule in den vergangenen fünf Jahren Fälle von "psychischer Gewalt" gab - also Fälle, bei denen Lehrkräfte direkt beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden. Fälle von Mobbing, Diffamierung und Belästigung über das Internet gab es laut der Studie an jeder fünften Schule.

Das erlebte Lehrerin Steffi Kalupke

Körperliche Gewalt gegen Lehrer - Steffi Kalupke
"Sie greifen dann an, wenn sie glauben, dass sie ungerecht behandelt werden", sagt Lehrerin Steffi Kalupke.

Seit 37 Jahren ist Steffi Kalupke Lehrerin. Derzeit unterrichtet die 59-Jährige an einer Regelschule in Thüringen. "Die Gefahr, dass richtig hart von einem Schüler zugeschlagen wird, ist gegeben", sagt sie im Interview. "Man weiß, dass man verletzbar und angreifbar ist". Im Video erzählt sie, was sie und ihre Kollegen in ihrem Alltag mit gewalttätigen Schülern erleben.

Einige Schulen setzen inzwischen auf Mediatoren und externe Anti-Gewalttrainer, um der Verrohung entgegenzuwirken. Denn viele Kinder begleitet die Angst vor Mobbing und Schlägen in die Schule. Beschimpfungen, Bedrohungen und Beleidigungen waren an Haupt-, Real- und Gesamtschulen laut der VBE-Studie am häufigsten (59 Prozent), gefolgt von Grundschulen (46 Prozent) und Gymnasien (33 Prozent).

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Von Online-Mobbing waren 36 Prozent der Haupt-, Real- und Gesamtschulen betroffen, jedes dritte Gymnasium und 13 Prozent der Grundschulen. Aufschluss über die Gründe für Gewalt gibt die Studie nicht. Der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann erhebt schwere Vorwürfe gegen die zuständigen Landesregierungen. Die Bildungsministerien verbreiteten vielfach immer noch das "Märchen", es handele sich nur um Einzelfälle. Viel zu lange habe Angst vor Reputationsverlust zu einer "Kultur des Schweigens" geführt, so der Chef der Lehrergewerkschaft.

Bereits 2016 hatte der VBE vor Verrohung gewarnt. Laut einer damaligen Umfrage unter Lehrern hatte es an der Hälfte der Schulen binnen fünf Jahren Fälle psychischer Gewalt gegen Lehrkräfte gegeben. 45.000 Lehrkräfte wurden demnach schon körperlich angegriffen.