Köln: Zeit für Antworten

10. Mai 2016 - 10:37 Uhr

Von Tobias Elsaesser

Eine Woche nach den Vorfällen stehen die Übergriffe in Köln noch immer im Fokus. Denn Informationen kommen nur stückchenweise an die Öffentlichkeit, und noch immer sind nicht alle Fragen geklärt. Doch nach allem, was bislang bekannt ist, muss man wohl die Beamten, die in der Silvesternacht am Bahnhof im Einsatz waren, in Schutz nehmen. Denn so sehr sich die Beamten vor Ort (laut Bericht des zuständigen Einsatzleiters) bemühten, die Sache in den Griff zu bekommen und scheiterten, so sehr scheinen die Verantwortlichen in der höheren Ebene damit beschäftigt, möglichst wenig Fakten an die Öffentlichkeit dringen zu lassen.

Köln: Zeit für Antworten
Oberbürgermeisterin Reker, Polizeipräsident Albers: Was wurde verschwiegen und warum?
© REUTERS, WOLFGANG RATTAY

Begonnen hat dies mit der Polizeimeldung vom Neujahrsmorgen, weiter ging es mit den Äußerungen des Polizeipräsidenten und der Oberbürgermeisterin, die nichts genaues über die Herkunft der mutmaßlichen Täter wissen wollten, obwohl es in internen Berichten dazu Informationen gab. Waren es überwiegend Nordafrikaner, wie anfangs behauptet? Asylsuchende? Flüchtlinge aus Syrien?

Dass es sich um syrische Flüchtlinge handeln soll, sagt ein Kölner Polizist, der anonym bleiben will. Er berichtet, seine Kollegen hätten in der Silvesternacht etwa 100 Personen am Hauptbahnhof kontrolliert. Mit eindeutigem Ergebnis: "Nur bei einer kleinen Minderheit handelte es sich um Nordafrikaner, beim Großteil der Kontrollierten um Syrer, jedenfalls hatten die Kontrollierten syrische Dokumente bei sich." Das ist eine klare Aussage, lässt aber keinen Schluss zu, wie repräsentativ diese Feststellung bei einer Anzahl von ca. 1.000 ist. Denn Fakt ist auch: Es gab ausreichend Anwesende mit Migrationshintergrund, die sich rein zufällig am Hauptbahnhof aufhielten, ohne mit den Geschehnissen etwas zu tun zu haben. Völlig normal an einem Tag wie Silvester an einem zentralen Punkt wie dem Hauptbahnhof.

Polizei: Personalnot und Überforderung

Trotzdem bleibt das Gefühl: Irgendetwas wollen oder wollten uns die Verantwortlichen vorenthalten, aber warum? Übertriebene politische Korrektheit, um die sowieso schon überhitzte Debatte über die hohen Flüchtlingszahlen nicht weiter zu befeuern? Weil es so schwierig ist, zu differenzieren, wer Flüchtling, wer Asyl Suchender ist, und wem Asyl gewährt wurde? Dennoch: Wenn wir in diesem Land eine offene und faire Debatte über Flüchtlinge und Asyl führen wollen, müssen wir auch so fair und offen sein, Wahrheiten auszusprechen. Damit tun sich die Verantwortlichen im Polizeiapparat und in der Politik anscheinend schwer.

Jedenfalls ist aus dem kriminellen Chaos am Kölner Hauptbahnhof ein mediales und politisches Chaos geworden, zu dem alle – außer den Opfern – ihren Teil beigetragen haben, und das eines offenbart: Die Anforderung an die Polizei und das Leistungsvermögen der Beamten stehen in einem Missverhältnis. Das macht ein Blick auf die Zahlen deutlich: Insgesamt gab es 1998 bundesweit 315.705 Polizisten. 2014 waren es nur noch 299.175, also 16.530 (über fünf Prozent) weniger. Gleichzeitig ist die Zahl der Großeinsätze aber gestiegen. Und deren Umfang wie zum Beispiel beim G7 Gipfel dieses Jahr in Bayern wird immer komplexer. Daraus muss die Politik Konsequenzen ziehen. Kritik allein reicht nicht aus, egal wie gerechtfertigt sie ist, denn die Wurzel des Übels liegt einige Hierarchie-Ebenen über denjenigen, die Silvester im Einsatz waren.

Für die Kölner Vorfälle speziell aber gilt, dass Stadt und Polizei die Widersprüche in ihren offiziellen Stellungnahmen und den internen Berichten über die Silvesternacht so schnell wie möglich ausgeräumt werden müssen, und auch erklärt werden muss, wie es dazu kam.



Tobias Elsaesser wurde in Hildesheim geboren und studierte Anglistik und Latein an der Universität zu Köln. Allerdings eher im "Nebenfach" – denn er arbeitete schon während des Studiums bei RTL, was das Studium ins Hintertreffen brachte. Dort wechselte er nach einigen Fernsehjahren in die Online-Redaktion. Den Ärger über aktuelle Themen die ihn (zu sehr) bewegen, versucht er auf dem Rennrad oder mit der Musik von Bruce Springsteen hinter sich zu lassen.