Köln: Mammut-Prozess um Einsturz des Stadtarchivs hat begonnen – Angehörige wollen Gerechtigkeit

17. Januar 2018 - 9:30 Uhr

Fünf Angeklagte müssen sich verantworten

Knapp neun Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs, bei dem zwei Anwohner ums Leben kamen, hat vor dem Kölner Landgericht der Prozess gegen vier Männer und eine Frau begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen fahrlässige Tötung und Baugefährdung vor. Die Angeklagten waren als Mitarbeiter von Baufirmen oder der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) am Ausbau der U-Bahn beteiligt. 

Einsturz am 3. März 2009 - Was war die Ursache?

Trümmer nach Einsturz des Kölner Stadtarchivs
Trümmer liegen am 04.03.2009 in Köln an der Stelle, an der sich das eingestürzte historische Stadtarchiv befand.
© dpa, Oliver Berg, obe htf mg tm mbk fdt ehl lof

Ein Fehler bei den U-Bahn-Bauarbeiten hat nach Darstellung der Staatsanwaltschaft den Einsturz des Kölner Stadtarchivs vor neun Jahren ausgelöst. Beim Ausbau der geplanten U-Bahn-Haltestelle Waidmarkt direkt unter dem Archivgebäude seien die Bauarbeiter 2005 auf einen Gesteinsblock gestoßen, sagte Staatsanwalt Torsten Elschenbroich. Beim Versuch, den großen Stein zu entfernen, seien die Zähne des Schaufelbaggers immer wieder abgebrochen. Daraufhin habe der Polier - der Baustellenleiter - unter großem Zeitdruck entschieden, das Hindernis dort zu belassen.

In der Betonwand der U-Bahn-Haltestelle sei dadurch ein Loch entstanden, eine sogenannte Erdplombe. Durch diese Fehlstelle seien am Tag des Einsturzes am 3. März 2009 durch aufgestauten Druck große Mengen Sand und Kies in die Baustelle hineingebrochen. Daraufhin sei unter dem Archiv ein Hohlraum entstanden, so dass das sechsstöckige Gebäude einstürzte. Dem Archiv und seinen Nachbargebäuden sei so buchstäblich der Boden entzogen worden. Zwei junge Anwohner wurden von Trümmern erschlagen.

Baufirmen bestreiten Vorwürfe

Köln: Trümmer des Historischen Stadtarchivs
Feuerwehrmänner und THW-Helfer suchen am 23.03.2009 in Köln in den Trümmern des Historischen Stadtarchivs nach Archivgütern.
© dpa, Oliver Berg, obe htf

Unter den Angeklagten ist ein Arbeiter, der auf der Baustelle tätig war. Der angeklagte Polier soll die Baufehler direkt verursacht und bewusst vertuscht haben. Die anderen Angeklagten waren für die Bauüberwachung zuständig und sollen laut Staatsanwaltschaft die Bauarbeiten nicht mit der gebotenen Sorgfalt kontrolliert haben. Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft sieben Beschuldigte angeklagt. Einer ist jedoch inzwischen gestorben. Ein weiterer Mann ist so schwer erkrankt, dass das Landgericht das Verfahren gegen ihn vorläufig eingestellt hat.

Die Baufirmen bestreiten die Vorwürfe und gehen davon aus, dass auch ein hydraulischer Grundbruch - eine Art Naturereignis, das durch Bodenverschiebungen ausgelöst wird - das Unglück verursacht haben könnte. Einige der Angeklagten äußerten sich am ersten Prozesstag und beteuerten ihre Unschuld.

Aufarbeitung des Einsturzes - Eine Mammutaufgabe

Prozess zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs
Ein Angeklagter im Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs steht im Landgericht in Köln zwischen seinen Anwälten.
© dpa, Oliver Berg, obe gfh

Mit dem Einsturz wurde das größte und bedeutendste deutsche Kommunalarchiv zerstört. Nach Angaben der Stadt Köln beläuft sich der Sachschaden auf 1,2 Milliarden Euro. Für den Prozess hat das Kölner Landgericht 126 Verhandlungstage bis ins nächste Jahr hinein angesetzt. Was den Angeklagten im Falle einer Verurteilung droht, erfahren Sie im Video.

Die Angehörigen der beiden Toten haben neun Jahre auf die strafrechtliche Aufarbeitung des Unglücks warten müssen. Die Staatsanwaltschaft begründet den Verzug damit, dass es extrem kompliziert und langwierig gewesen sei, die Unglücksstelle zu untersuchen. Wenn bis März 2019 kein erstinstanzliches Urteil ergangen ist, verjährt die Sache.