Klopp selig, Streich ätzt, Putin versetzt

Gerät bei den Bayern ausnahmslos ins Schwärmen: Bremen-Coach Robin Dutt (li.).
© Getty Images, Bongarts

09. Mai 2014 - 11:49 Uhr

So läuft der 32. Bundesliga-Spieltag

Bremens Robin Dutt entwickelt vor dem 32. Spieltag einen Dominanz-Fimmel und wird zum Guardiola-Fanboy. In Wolfsburg lässt die Uefa die Sektkorken knallen, in Gelsenkirchen der S04 Putin sitzen. Und Freiburgs Streich rüpelt.

Wie hoch gewinnt der FC Bayern?

Hoch und deutlich, zumindest wenn man den Oden von Bremens Trainer Robin Dutt auf das Champions-League-Spiel des FC Bayern in Madrid folgt. Mit hemmungsloser Schwärmerei wischte Dutt die Kritik an den Münchnern ("Hat mich überrascht") beiseite und schickte, quasi als Vorhut für das Werder-Gastspiel am Samstag, ganz viele liebe Worte gen München. "Sie haben auswärts so dominant gespielt. Wenn man jemand kritisieren müsste, dann wäre es Real gewesen", sagte Dutt, bevor er zur ultimativen Lobhudelei ansetzte und feststellte: "Der Bayern-Auftritt hat mich beeindruckt."

Gut möglich, dass das Werder-Team die Heimreise alleine antreten muss und Dutt direkt als Co-Trainer in München anheuert. Die Krux bei allen Lobeshymnen ist allerdings, dass sich die Münchner im Bernabeu beeindruckend zu Tode dominiert haben, wie die 0:1-Niederlage belegt. Immerhin hat das den Siegeswillen der Bayern noch angestachelt. In München werde "der Baum brennen", sagte Vorstandschef Karl-Heinz-Rummenigge. Nur eben am Dienstag beim Rückspiel gegen Real, und nicht am Samstag in der Liga beim unbedeutenden Duell mit Werder. Obwohl, vielleicht sichtet Guardiola nochmal das Video vom 7:0 aus dem Hinspiel und setzt für Samstag, 15.30 Uhr, Torschusstraining an.

Wie spanisch sind die Verhältnisse?

Schottisch, immer noch. Am 32. Spieltag kann sich die Liga aber noch einmal darin erinnern, dass es einst anders war. Mit Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund treffen jene Teams aufeinander, denen vor Saisonbeginn schulterklopfend zugeraunt worden war: Ihr könnt den FC Bayern ärgern.

Das hat beim BVB nicht ganz geklappt und in Leverkusen noch weniger und inzwischen zu einer Personalrochade auf der Trainerbank geführt. Und dazu, dass vor dem Topspiel am Samstag nicht über das Duell Zweiter gegen Vierter gesprochen wird, sondern über Manchester United. Dem englischen Rekordmeister wird nach der Erkenntnis, dass der Sechs-Jahresvertrag für seinen schottischen Trainer David Moyes 63 Monate zu lang war, hartnäckig ein Interesse an BVB-Trainer Jürgen Klopp nachgesagt. Weil Klopp aber nachts um 2.47 Uhr geweckt werden und auch dann ansatzlos "ungefähr 1.000 Gründe" aufsagen kann, warum er immer noch "supergerne" beim BVB arbeitet, entschied er sich zu einer Maßnahme, die er schon seinem BVB perfekt beigebracht hat - offensives Gegenpressing. "Es ist ein bisschen unangenehm, jemandem eine Absage zu geben, wenn keine Anfrage gekommen ist. Aber es muss ja anscheinend trotzdem gemacht werden", teilte Klopp mit. Kurzum: United sei "echt klasse".

Sein Glück aber, das liege weiterhin in Dortmund. Es dürfte ein ziemlich großes Glück sein, so wie der BVB trotz seiner Verletzungssorgen zuletzt aufgespielt hat. Glückt auch in Leverkusen ein Sieg, wäre die Vizemeisterschaft schon perfekt. Allerdings: Unter Interimscoach Sascha Lewandowski spielt Leverkusen neuerdings wieder Fußball, die Champions-League-Quali ist aus eigener Kraft möglich - was Neu-Coach Roger Schmidt freuen dürfte. Für alle anderen klingt das zumindest nach einem Topspiel, das die Bezeichnung auch verdient. Es ist das letzte in dieser Saison.

Was passiert sonst noch?

Beim VfL Wolfsburg knallen die Sektkorken, nein, die Champagnerknorken. Michel Platini, Reformpräsident der Uefa und großer Katar-Freund, schmeißt eine Runde Schampus. Er hat verkündet, dass keine Vereine wegen Verstößen gegen das Financial Fairplay aus der Champions League ausgeschlossen werden, wo sich ja auch der VfL in der kommenden Saison sehr gerne wieder betätigen würde. Wer "Blut und Tränen" erwarte, sagte Platini der Zeitung 'Le Parisien' zu den möglichen Strafen, werde enttäuscht.

Womöglich schwebt dem Uefa-Boss eine Geldstrafe als angemessene Sanktion vor. Sicher ist: Platinis Verdikt ist eine gute Nachricht für alle Vereine, die von solventen Geldgebern finanziert werden und auf schwarze Nullen in der Bilanz so angewiesen sind wie Jose Mourinho auf ein Freundschaftsarmband von Josep Guardiola für seinen Seelenfrieden. Vereine wie Paris St. Germain, Manchester City - oder der VfL Wolfsburg.

Obwohl BVB-Coach Klopp getreu dem Motto "Echte Hiebe" immer wieder versucht, ein Neiddebättchen gegen die Wolfsburger anzuzetteln, ist man dort entspannt. Man habe einfach eine "Strategie, die (…) mit einem gewissen finanziellen Einsatz hinterlegt" ist, beschreibt Manager Klaus Allofs das Mäzenatentum von VW.

Dieser Einsatz erlaubt es dem VfL, Transfers in Dimensionen zu tätigen, die sich sonst nur die sportlich nur minimal erfolgreicheren Klubs aus München und Dortmund leisten können. Mindestziel ist die Europaliga, noch lieber wäre Wolfsburg aber die Königsklasse. Das würde mit garantierten Millioneneinnahmen nicht nur den finanziellen Einsatz erhöhen, sondern den VfL auch attraktiver machen - um zum Beispiel, Achtung Überleitung, demnächst mal ein paar Talente vom nächsten Gegner SC Freiburg abzuwerben.

SC-Trainer Christian Streich bezweifelt zwar, dass außer Bayern und Dortmund noch ein Bundesligaverein bessere sportliche Perspektiven bieten könne als die Freiburger. Er sagt aber auch: "Das Geld regiert, das ist halt so", weil "immer mehr Großkonzerne und Millionäre" mitwirkten. Kurzum: Streich sieht "übergeordnete Kräfte am Werk, die man nicht aushebeln" könne. Aushebeln könnte Streich mit dem SC aber nicht nur die Champions-League-Ambitionen des VfL, sondern auch die Abstiegssorgen. Ein Sieg in der Autostadt, und der Klassenerhalt wäre perfekt.

Welche Mannschaft überrascht?

Wir würden kein Monatsgehalt darauf verwetten, aber es wäre durchaus möglich, dass am Ende dieses Spieltages ein Team auf dem Relegationsplatz steht, das häufiger weg vom Fenster schien als Jens Keller. Eintracht Braunschweig könnte mit einem eigenen Sieg und Niederlagen der Konkurrenz den großen Sprung machen. Der eigene Beitrag dazu wären drei Punkte in Berlin, und man muss es so sagen: Wenn die Mannschaft von Torsten Lieberknecht diese Chance nicht nutzt, welche dann? Die Hertha ist die schlechteste Mannschaft der Rückrunde, hat zuletzt am 22. Spieltag einen Sieg gefeiert, seitdem verbuchten die Berliner magere vier Punkte. Trainer Jos Luhukay mosert schon seit Wochen über die lasche Einstellung seiner Spieler, und hat keine Ambitionen mehr für diese Saison, außer: "Wir wollen den Fans noch etwas anbieten."

Die Braunschweiger bereiteten sich mit einem Kurztrainingslager in Brandenburg auf die Partie vor. Mit dabei auch wieder Karim Bellarabi und Marcel Correia, die vor dem Bayern-Spiel verschlafen hatten und aus dem Kader geflogen waren. "Sie sind in der Pflicht, sich zu beweisen", sagte Torsten Lieberknecht. Er kann wahrscheinlich auch wieder auf Domi Kumbela bauen, der Topstürmer meldete sich fit.

Ein richtiger Torjäger fehlt dem Hamburger SV, weil Pierre-Michel Lasogga mit seinem Muskelfaserriss weiter ausfällt. Marcell Jansen und Milan Badelj kehren dagegen zurück, und damit auch die Hoffnung auf eine stabile Defensive im Auswärtsspiel beim FC Augsburg. Die Lage ist bei nur einem Punkt Vorsprung auf den direkten Abstiegsplatz dramatisch, entsprechend eindringlich die Ansprache der Verantwortlichen: "Ich erwarte totale Hingabe", sagte Sportdirektor Oliver Kreuzer. Heiko Westermann und Michael Mancienne nahmen den Appell im Training sehr ernst und rasselten ordentlich aneinander, der Engländer blieb liegen. Sechs Stiche später stand er wieder, er wird spielen können.

Den Druck auf den HSV erhöhen kann der VfB Stuttgart schon am Freitag in Hannover. Huub Stevens schlägt sich allerdings vor dem richtungsweisenden Duell mit Personalsorgen herum, Arthur Boka, Daniel Schwaab und Carlos Gruezo sind fraglich. Der Gastgeber will sich nach zuletzt zwei Siegen in Folge mit einem weiteren Erfolg endgültig aller Sorgen entledigen – und dann entspannt die Füße hochlegen, meinte Trainer Tayfun Korkut: "Wir haben keine Lust, am Wochenende mit Spannung die Spiele der Konkurrenz zu schauen."

Für welchen Trainer wird es eng?

Josep Guardiola. Nein, im Ernst. Und sowieso, wer entlässt schon nach dem 32. Spieltag seinen Trainer? Alle Vereine, die in diesem Jahr zu solchen Verzweiflungstaten fähig scheinen, haben ihren Übungsleiter schon zweimal ausgetauscht: Der VfB Stuttgart, der Hamburger SV und zuletzt der 1. FC Nürnberg. Die Entlassung von Gertjan Verbeek kam etwas überraschend, Sportvorstand Martin Bader sprach von einer "unpopulären Maßnahme".

Mindestens ein Mensch hat das nicht so empfunden: Christian Streich, der sich mit dem Holländer vor einigen Wochen eine Privatfehde geliefert hatte. Der Trainer des SC Freiburg trat genüsslich nach: "Ich versuche, gegen menschliche Gefühle wie Schadenfreude anzuarbeiten. Einfach ist es aber nicht."

In Nürnberg übernimmt nun Interimscoach Roger Prinzen bis zum Saisonende. Er habe bereits bewiesen, "dass er dem Team in einer schweren Situation helfen kann", sagte Sportvorstand Bader. Gegen Frankfurt saß Prinzen am 9. Spieltag schon einmal auf der Bank, der 'Club' erkämpfte sich durch ein spätes Tor ein 1:1. Dann kam Verbeek. Nun hat Prinzen drei Spieltage Zeit, um wenigstens den einen Punkt Rückstand auf den HSV wettzumachen. Seine Mission beginnt kurioserweise in Mainz. Dort hatte Prinzen vor einem Monat beim Training hospitiert. Trainer Thomas Tuchel weihte seinen jetzigen Widersacher in Trainingsweise und Spielvorbereitung ein. "Mit den Konsequenzen müssen wir nun leben, das war damals nicht abzusehen. Wer unsere letzten Heimspiele aber gesehen hat, der wird genau wissen, was wir vorhaben", sagte Tuchel.

Wo wird es brisant?

In der Ukraine. Was das mit der Fußball-Bundesliga zu tun hat? Nun, der FC Schalke 04 liefert momentan mehr politische als sportliche Schlagzeilen. Die Knappen verzichten wegen der angespannten Lage auf einen Besuch bei einem besonderen Freund von Club-Chef Clemens Tönnies: Wladimir Putin. Der geplante Trip auf Einladung des russischen Präsidenten stieß den eigenen Fans und auch einigen Politikern sauer auf. Schalke lasse sich "instrumentalisieren", schimpfte CDU-Generalsekretär Peter Tauber.

Tönnies ließ nun mitteilen, die Reise könne erst durchgeführt werden, wenn sich die Lage wieder entspannt habe. Auf welche Art und Weise auch immer das passiert. Glaubt man den Worten des Schalker Bosses, checken Julian Draxler und seine Kollegen sicherlich stündlich die Nachrichtenticker auf ihren Smartphones, so sehr brennen sie auf die Visite: "Die Mannschaft würde gern einmal den Kreml sehen und interessiert sich für Moskau." Und Putin interessiert sich besonders für das Eisbein, das Tönnies seinem Freund bei seinen Besuchen immer mitbringt - nicht etwa für die 900-Millionen-Euro, die der Fleischfabrikant in Russland investieren soll.

Ach so, Schalke spielt übrigens am Wochenende gegen Mönchengladbach. In Trikots mit der Werbung ihres Hauptsponsors Gazprom. Es geht darum, ob Schalke endgültig mit den Einnahmen aus der Champions League planen darf. Die Königsklasse wird gesponsert von? Richtig, Gazprom.

Was sagt das Orakel?

"Es geht um das Überleben des Vereins, es geht jetzt um das große Ganze." HSV-Sportdirektor Oliver Kreuzer verkneift sich im Abstiegskampf übermäßiges Pathos.

Quelle: n-tv.de