Klimaflüchtlinge fordern Asyl – wenn ein Staat im Meer versinkt

Kiribati hat große Probleme: Überbevölkerung, zu viel Müll und immer weniger Land. Die Südseeinsel verschwindet bald bei steigendem Meeresspiegel.
Kiribati hat große Probleme: Überbevölkerung, zu viel Müll und immer weniger Land. Die Südseeinsel verschwindet bald bei steigendem Meeresspiegel.
© dpa, Christiane Oelrich

26. November 2013 - 11:27 Uhr

Tuvalu hat schon Asyl für das ganze Volk beantragt

Während in Polen im Warschauer Fußballstadion bei der Weltklima-Konferenz die Köpfe rauchen, bereiten sich die Einwohner verschiedener Inselstaaten auf ihren Untergang vor. Die Malediven, Kiribati und Tuvalu warnen immer wieder mit eindringlichen Appellen vor dem Verschwinden ihrer Staaten.

"Niemand wird verschont bleiben", sagte Kiribatis Präsident Anote Tong. Dabei gibt sich Tong nicht einmal mehr der Illusion hin, ein Gegensteuern im Kampf gegen den Klimawandel könne sein Inselreich noch retten. Nein, er glaubt, es ist verloren. "Wir wollen, dass das Volk auf Kiribati die Möglichkeit hat, mit Würde auszuwandern."

Auf der Insel leben immerhin 100.00 Menschen im Pazifik, ihre Heimat ist dem Untergang geweiht. Und während die Gastgeber der Klimakonferenz in Warschau weiter voll auf die nicht mehr zeitgemäße Kohle setzen und damit auf einen erhöhten CO2-Ausstoß, suchen die Bewohner des Inselparadieses nach einer Zukunft.

Ioane Teitiota kommt aus Kiribati. Der 37-Jährige kämpft einen ganz eigenen Kampf. Er will anerkannt werden als Klimaflüchtling. Teitiota bittet in Neuseeland um Asyl. Doch er hat wenig Aussicht auf Erfolg, meint Rechtsprofessor Bill Hodge. Die UN-Flüchtlingskonvention schütze nur Menschen vor Verfolgung etwa wegen ihrer Ethnie, Religion oder ihres Geschlechts. "Auf diesen Mann passt das nicht." Es müsse eine neue Konvention her, die Klimawandel und Meeresspiegelanstieg umfasst. Ein Flüchtling, der flieht, weil ihm die Heimat verschwindet.

Der Klimaexperte John Corcoran aus Kiribati zeichnet ein drastisches Bild: Die Inseln liegen nur vier Meter über dem Meeresspiegel, die Küsten brechen weg, der Boden wird zunehmend unfruchtbar und versalzt, sagt er. South Tarawa, eine 28 Kilometer lange und 200 Meter breite Inselkette, die als Hauptstadt dient, sei mit 50.000 Menschen völlig überbevölkert. Auch Teitiota landete in den 90er Jahren dort, geflüchtet von einer drei Tagesreisen entfernten kleineren Insel. Nach seinen Angaben vor Gericht lebte er dort bei seinen Schwiegereltern in einer Hütte direkt am Strand. Das Land ringsum habe bei Stürmen immer öfter knietief unter Wasser gestanden. Der Trinkwasserbrunnen sei versalzen, das Gemüse im Garten abgestorben. Die Familie sei inzwischen von dem Land vertrieben worden und versuche, auf der Heimatinsel des Vaters Fuß zu fassen.

Bevölkerung umsiedeln und die Industriestaaten zahlen die Aktion?

Kiribati ist kein Einzelfall. Die Bewohner des Südseeatolls Tuvalu stehen vor dem gleichen Problem. Ihre Regierung versuchte bereits, Asyl für die ganze Bevölkerung von etwa 10.000 Menschen in Neuseeland und Australien zu erhalten. Erfolglos. Es gab außerdem den Vorschlag, die Menschen auf ein Fidschi-Atoll umzusiedeln. Die Kosten dafür sollten die Industriestaaten als Verursacher des Klimawandels übernehmen. Auch diese Idee blieb bisher ein frommer Wunsch.

Es sind besonders die vermeintlichen Paradiese rund um den Äquator, die vom Verschwinden betroffen sind. Denn warmes Wasser dehnt sich mehr aus als kaltes, das heißt, die Erhöhung des Meeresspiegels ist in Warmwassergegenden gravierender als in kalten Gewässern.

Vor einiger Zeit machte der Präsident der Malediven mit einer spektakulären Aktion auf sich aufmerksam, als er mit seinem Parlament eine Sitzung unter Wasser abhielt. Damit wollte er darauf aufmerksam machen, dass ohne Taten gegen den Klimawandel sein Inselreich in 100 Jahren einfach nicht mehr da sein wird.

Doch die Signale aus Warschau sind wenig ermutigend. Zum einen bleiben konkrete Ergebnisse bei den Gesprächen in Polen aus, zum anderen haben neue Zahlen erneut aufschrecken lassen. Der Ausstoß von Kohlendioxid durch die weltweite Verbrennung fossiler Brennstoffe erreicht nach Angaben von Wissenschaftlern in diesem Jahr einen Rekordwert von 36 Milliarden Tonnen. Dies ist das Ergebnis des 'Global Carbon Project' unter Mitwirkung des britischen Tyndall Centre for Climate Change Research an der University of East Anglia (UEA).

Damit liegt der für dieses Jahr prognostizierte Anstieg von 2,1 Prozent bei den weltweiten Emissionen durch fossile Brennstoffe 61 Prozent über dem Niveau von 1990, dem Ausgangspunkt für das Kyoto-Protokoll. "Die Regierungen, die diese Woche in Warschau zusammenkommen, müssen sich darauf einigen, wie sie diesen Trend umkehren", sagte die leitende Wissenschaftlerin Corinne Le Quéré vom Tyndall-Zentrum.

"Wir brauchen Umkehr in der Energie- und Klimapolitik der Schlüsselländer, um einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern", heißt es im Klimaschutzindex der Nichtregierungsorganisation Germanwatch. Deutschlands Position auf dem Klimaschutzindex sank von Platz 8 auf Platz 19. Daran sei vor allem die Blockadepolitik Deutschlands beim Thema Emissionshandel und Autoabgasen schuld, sagte Wendel Trio vom Klimanetzwerk Europa. Die Europäische Union insgesamt habe ihre Vorreiterrolle beim Klimaschutz aufgegeben, heißt es.

Das ist die schlechteste Nachricht für die Bewohner von Kiribati, Tuvalu und den Malediven. Denn das könnte das Ende der Existenz ihres Staates bedeuten.