Erzieher macht seinem Ärger Luft

Kita-Öffnungen nach Corona-Lockdown: Hygiene-Vorgaben stellen Betreuer vor große Herausforderungen

Der Kita-Alltag nach dem Corona-Lockdown ist nicht nur für die Erzieher eine massive Herausforderung, sondern auch für die Kleinen.
© dpa, Uwe Anspach, ua cul

20. Mai 2020 - 10:19 Uhr

Rückkehr zur Normalität stellt Erzieher vor Herausforderungen

Seit Mitte März und damit über acht Wochen lang waren die Kitas in Deutschland – bis auf die Notfallbetreuung - aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. Nach und nach kehren wieder mehr Kinder in die Kitas zurück. So gilt seit dem 11. Mai 2020 für Kindergärten, Krippen und Horte die erweiterte Notbetreuung, das heißt die Träger haben die Möglichkeit, die Betreuungskapazitäten auszuweiten. Dabei prescht Sachsen am weitesten vor: Hier werden seit dem 18. Mai wieder alle Kita-Kinder in ihren Einrichtungen betreut. Ein Erzieher schildert auf Twitter, was das für ihn und seine Kollegen bedeutet.

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Keine bundeseinheitliche Regelung zur Kita-Öffnung

Seit Beginn des Corona-Krise betreuen die meisten Eltern ihre Kinder zuhause – oftmals neben ihrem normalen Job im Homeoffice. Dass viele Eltern die Öffnung der Kitas angesichts der teils massiven Belastung herbeisehnen, ist nachvollziehbar. Umso enttäuschter sind viele, dass es keine bundeseinheitliche Regelung zur Kita-Öffnung gibt. Mit anderen Worten: Es bleibt jedem Bundesland selbst überlassen, wann genau, zu welchen Bedingungen und in welchem Tempo der Kita-Betrieb wiederaufgenommen wird.

Einige Bundesländer wie Hamburg und Nordrhein-Westfalen beispielsweise setzen auf eine schrittweise Öffnung der Kitas: So werden in Hamburg seit dem 18. Mai zunächst die Fünf- und Sechsjährigen wieder in den Kitas betreut. In vier Stufen will Hamburg bis Ende Juni zum Normalbetrieb zurückkehren. Nordrhein-Westfalen lässt sich dafür hingegen Zeit bis mindestens September. Erst dann soll es laut NRW-Familienminister Joachim Stamp wieder einen eingeschränkten Regelbetrieb geben. Einzig in Sachsen können seit Anfang der Woche wieder alle Kinder zurück in ihre Kita – unter strengen Auflagen.

Denn nach wie vor lautet die oberste Priorität, Infektionsketten wirksam zu unterbrechen. Die Vorgaben dafür regelt der Rahmen-Hygieneplan. Dazu gehört beispielsweise, dass die Kinder innerhalb der Kitas in kleinere Gruppen aufgeteilt sind, die sich im Idealfall weder drinnen noch draußen begegnen. Flächen müssen regelmäßig desinfiziert und Hände regelmäßig gewaschen werden.

"Das, was jetzt passiert, ist für Ihr Kind wie eine zweite Eingewöhnung"

Was sich so einfach liest, stellt die ErzieherInnen und KitaleiterInnen vor massive Herausforderungen. Auf Twitter macht Erzieher Paul R. Landmann, der in einer Kita in Sachsen arbeitet, seinem Ärger Luft und schildert, was die Beschlüsse und gleichzeitigen Vorgaben der Behörden für die Erzieher bedeuten.

So erzeuge die Umsetzung der Vorgabe "bei der Übergabe der Kinder (Bringen/Abholen) ist auf einen angemessenen Abstand zu den Eltern zu achten" oftmals puren Stress bei allen Beteiligten, also Kindern, Eltern und Erziehern: "Sie werden Ihr Kind also in extra dafür eingerichteten Zonen an der Tür abgeben müssen, mit Mundschutz. Wenn Sie die Warteschlange hinter sich gebracht haben, wird Ihr Kind Ihr beruhigendes Lächeln nicht sehen. Auch nicht, wenn es weint", so Paul. Und das werde es nach acht Wochen "Auszeit". "Das, was jetzt passiert, ist für Ihr Kind wie eine zweite Eingewöhnung – nur dass Sie diesmal nicht dabei sein dürfen."

"Wir wissen nicht, wie wir das handeln sollen"

In der Kita stünden jedem Kind (laut Kita-Bauverordnung für neuere Kitas) 2,5 Quadratmeter zu. "Wer sich kurz mit Aerosolen und Tröpfcheninfektion befasst hat, dem muss ich jetzt nichts weiter erklären", kritisiert Landmann. "Wir können Ihnen auch nicht versprechen, dass Ihr Kind Mittagsschlaf machen kann. Es kann sein, dass Ihre Einrichtung dafür nicht genügend freie Räume hat", schreibt er an die Eltern kleinerer Kinder gewandt.

Dabei macht er deutlich, welche Herausforderungen es für alle Kita-Mitarbeiter mit sich bringt, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Alle Kitas für alle Kinder öffnen und die Hygieneregeln einhalten? Landmann bringt auf den Punkt, in welchem Dilemma die Kitas in Sachsen und mit ihr die dort tätigen Erzieher seiner Meinung nach stecken: "Nun kommen ab nächster Woche (18. Mai 2020, Anm. der Redaktion) alle Kinder wieder. Wir würden uns unter normalen Umständen darüber freuen, wir lieben unseren Beruf. So aber haben wir einfach nur Sorgen. Wir wissen nicht, wie wir das handeln sollen." Von der Politik fühlen er und seine Kollegen sich allein gelassen. Und prangert an, dass viele der nun akuten Probleme in den Kitas "mit einem stufenweisen Plan" hätten vermieden werden können. "Wir, die Leute, die in diesem Beruf arbeiten, sagen das (als Anwälte Ihrer Kinder!) schon die ganze Zeit, aber durch einen blöden Zufall wurden wir wohl vergessen."

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