Ihre Füße dürfen nie den Boden berühren

Kindheit im dunklen Tempel: Nihira (5) wird als Göttin verehrt

15. Mai 2019 - 17:24 Uhr

Video: So sieht der Alltag der Kindsgöttin aus

Nihira Bajracharya ist gerade mal fünf Jahre alt - richtig Kind sein, darf sie trotzdem nicht. Das kleine Mädchen wurde ausgewählt und zur Kindsgöttin erklärt. Seitdem verbringt sie den Großteil ihres Lebens in dunklen Räumen und vieles, was normale Kinder in ihrem Alter tun, ist für sie verboten. RTL-Reporterin Kavita Sharma hat Nihira in Nepal besucht. Wie es dem Mädchen geht und wie das Leben als Göttin aussieht - im Video.

Nihiras Füße dürfen nie den Fußboden berühren

Nihira ist eine der zehn Kindsgöttinnen, den sogenannten Kumaris. Buddhisten und Hinduisten glauben, dass diese Mädchen zu Mensch gewordenen Gottheiten sind. Die Mädchen werden von Priestern ausgewählt und dann bis zur Pubertät von Gläubigen verehrt. Sie sollen Glück bringen und Wünsche erfüllen.

Seit Nihira zur Göttin erklärt wurde, darf kein Sonnenlicht mehr auf sie fallen. Ihre Füße dürfen den Boden nicht berühren und raus auf die Straße darf sie auch nur zu bestimmten Festtagen. Den Rest des Jahres lebt sie eingesperrt im Tempel und muss mehrmals am Tag ihre Besucher segnen. Geschminkt und herausgeputzt sitzt die Kleine dann in einem Raum und empfängt Gläubige und Touristen, die von überall herkommen, um sie zu sehen. Dabei darf sie keine Miene verziehen, denn das wäre ein schlechtes Omen.

Leben als Göttin endet mit der ersten Periode

Kindsgöttin in Nepal
Die Menschen in Nepal glauben, dass die Kindsgöttinnen Glück bringen und Wünsche erfüllen.
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Wenn Nihira in die Pubertät kommt, ist das Leben als Göttin vorbei. Dann wird das Kind mit seiner Familie wieder nach Hause geschickt und muss sich in der normalen Welt zurecht finden. Ein anderes Mädchen nimmt dann ihren Platz als Kindsgöttin ein. Chanira Bajracharya weiß genau, wie das ist. Auch sie wurde als Kind verehrt. Als zum ersten Mal ihre Periode einsetzte, wurde sie schlagartig wieder zum Menschen.

Im Interview mit RTL-Reporterin Kavita Sharma erzählt die junge Frau, dass der Alltag für sie erst einmal furchteinflößend war. "Ich hatte große Angst vor dem Verkehr, es sah auf einmal alles völlig anders aus, als das, was ich vom Tempelfenster aus gesehen hatte." Inzwischen studiert die ehemalige Göttin und findet sich gut in ihrem neuen normalen Leben zurecht.

Menschenrechtler kritisieren die Tradition

Aber nicht alle Mädchen kommen damit so gut zurecht, wenn sie plötzlich wieder in die Realität gestoßen werden, nicht mehr im Mittelpunkt stehen und den Tempel wieder verlassen müssen. Menschenrechtler kritisieren die Tradition auch als nicht kindgerecht. Denn während andere Kinder mit Freunden spielen, in der Schule sitzen oder auf dem Sportplatz toben, sitzen die Kindsgöttinnen eingesperrt im Tempel.