Opfer sexuellen Missbrauchs kritisieren Familienministerium

„Ich bin so enttäuscht!“

Jeder 7. Erwachsene in Deutschland hat sexuelle Gewalt in der Kindheit erfahren. Betroffene fühlen sich vom Staat im Stich gelassen.
Jeder 7. Erwachsene in Deutschland hat sexuelle Gewalt in der Kindheit erfahren. Betroffene fühlen sich vom Staat im Stich gelassen.
© deutsche presse agentur

09. Juni 2020 - 10:07 Uhr

von Kathrin Gräbener

Der Fall Lügde und jetzt der Fall Münster: Skandale von Kindesmissbrauch erschüttern uns immer wieder aufs Neue. Jeder 7. Erwachsene in Deutschland, so sagen Experten, hat sexuelle Gewalt in der Kindheit erfahren – das hat viele Leben zerstört. Die Bundesregierung hat zugesagt, den Opfern zu helfen. Doch der dafür eingerichtete Hilfsfonds arbeitet viel zu langsam, wie RTL-Recherchen zeigen.

Regierung hat Versprechen nicht eingehalten

"Ich bin so enttäuscht, dass mir ein Versprechen gemacht wird, das nicht eingehalten wird. Ich musste früher immer für alles bezahlen oder meinen Körper hinhalten, das fühlt sich jetzt genauso wieder an!"  Die 65jährige Maria T. wurde als Kind in der Familie und später auch noch von einem Priester missbraucht. Vergewaltigung und Vertrauensbruch haben sie ihr ganzes Leben lang belastet. Deshalb hat sie große Hoffnungen in den "Fonds für sexuellen Missbrauch (FSM)" gesetzt.

Hilfe für Opfer von Missbrauch dauert viel zu lange

 Franziska Giffey, SPD, Bundesfamilienministerin
Betroffene von sexuellen Missbrauch erhoffen sich mehr Unterstützung von Familienministerin Giffey.
© imago images/IPON, Stefan Boness/Ipon via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Dieser Hilfsfonds des Bundesministeriums für Familie von Franziska Giffey (SPD) soll den Opfern helfen, auch wenn der sexuelle Missbrauch schon lange zurückliegt. Doch dieses Versprechen wird bislang nicht eingelöst: Wie RTL recherchiert hat, braucht der Fonds für die Bearbeitung von Therapieanträgen 6 Monate bis mehrere Jahre.

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Hilfsfonds gut gemeint, aber schlecht gemacht

Dr. Angela Kauffmann,  Therapeutin aus Bielefeld
Therapeutin Dr. Angela Kauffmann wirft der Bundesregierung Ignoranz beim Thema sexueller Missbrauch vor.
© RTL

Wie bei Maria T. zahlen Krankenkassen eine Therapie nur für eine begrenzte Zeit. Zwischen den Therapien gibt es Pausen von zwei Jahren. Für Opfer massiven sexuellen Missbrauchs unerträglich. Deshalb wurde 2013 der Fonds eingerichtet: Er soll diese Lücke schließen.

Grundsätzlich eine gute Idee, sagen Therapeutinnen wie Dr. Angela Kauffmann aus Bielefeld. Die therapeutische Wirkung sei immens: "Die Therapie darf nicht unterbrochen werden. Zusätzlich erfahren die Überlebenden oft erstmals ein Gefühl der Anerkennung ihres Leids: 'Mir wird geglaubt, mir wird geholfen´."

Therapeuten mahnen Bund wegen offener Rechnungen an

Doch Dr. Angela Kauffmann zieht wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen eine ernüchternde Bilanz: Der Fonds erfülle seine Aufgabe nicht. Kauffmann und 134 weitere Therapeutinnen und Therapeuten mussten sich sogar wegen unbeglichener Rechnungen aus dem Jahr 2019 bei Ministerin Giffey beschweren. RTL liegen dazu entsprechende Unterlagen vor.

"Es ist mir ein Rätsel, wie eine Bundesbehörde so konsequent Anfragen nicht beantworten und auch Mahnungen konsequent ignorieren kann", so Kauffmann gegenüber RTL.

Es mangelt an Unterstützung für Betroffene von Kindesmissbrauch

ARCHIV - SYMBOLFOTO, dpa
Therapeuten sehen das Thema Kindesmissbrauch noch immer nicht ausreichend behandelt innerhalb unserer Gesellschaft.
© dpa, Uwe Zucchi, cch ade cul pzi rho JAI

"Wenn die Gesellschaft es schon heute nicht schafft, Kinder zu schützen, so hat sie doch zumindest die Aufgabe, den Betroffenen bei der Linderung und Heilung die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen."

Die Therapeutin ist empört: "Es fällt mir schwer das auszusprechen: Aber es drängt sich der Eindruck auf, dass auch hier die gesellschaftlich vorhandene Ignoranz gegenüber dem Ausmaß und den Folgen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zum Tragen kommt."

Familienministerium gesteht Fehler ein

Auf Nachfrage gibt das Ministerium zwar zu, es habe Mängel gegeben: "Die strukturellen Probleme beim Fonds sind dem Bundesministerium bekannt. Die damit verbundenen Schwierigkeiten für die Betroffenen (…) bedauern wir sehr."

Doch man habe die Erreichbarkeit per Telefon erheblich verbessert. Anträge könnten jetzt auch per E-Mail gestellt werden. Das Personal werde weiter aufgestockt: "Unser Ziel ist es, eine Bearbeitungszeit von unter sechs Monaten für alle Anträge zu erreichen."

RTL-Recherchen zeigen Wirkung

Auf die Beschwerden der Therapeuten teilt man uns aus dem Ministerium mit: "Die 135 Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben im Mai 2020 eine Antwort erhalten.

Das ist tatsächlich geschehen - und zwar genau zwei Tage nach unserer Bitte um Stellungnahme beim Familienministeriums und bei der Leitung des Fonds zu den Vorwürfen.

Maria T. versteht nicht, warum das alles so lange dauert. Sie würde gerne Franziska Giffey und den Mitarbeitern des Fonds persönlich erklären, wie wichtig die Arbeit des Fonds für sie und die anderen Betroffenen ist: "Ich wünsche mir für alle, die das auch durchmachen mussten, dass sie nicht so lange auf Hilfe warten müssen!"