28. Juni 2018 - 15:13 Uhr

"Du darfst nicht fernsehen! Du darfst auf keine Partys! Gehorche aufs Wort, sonst gibt's kein Essen, kein Trinken und keine Toilette, dafür eine Tracht Prügel!" Das sind keine neuen Folter-, sondern ernstgemeinte Erziehungsmethoden, die Amy Chua in ihrem Buch 'Die Mutter des Erfolgs' vorstellt. Weltweit diskutieren Eltern jetzt, ob die zweifache Mutter ins Gefängnis gehört - oder womöglich doch Recht hat.

Für die ehrgeizige Tochter chinesischer Einwanderer, die es bis zu einem Professorenposten an der Elite-Universität Yale gebracht hat, ist klar: Erfolg im Leben gibt es nur durch harte Arbeit. Wenn sie ihre Kinder anschreit, wenn die stundenlangen Klavierübungen zur Tortur für ihre kleine Tochter werden, ist das für sie nicht sinnlose Quälerei, sondern Mutterliebe. Denn für sie ist klar: "Meine Kinder sollen glücklich werden!" Doch ihre Philosophie lautet: "Ihr müsst Eure Kinder quälen, denn von Natur aus sind sie faul und dumm! Nur durch Strenge und Härte kann man aus ihnen das Maximum rausholen."

Wie Amy Chua das bei ihren eigenen Töchtern durchgezogen hat, kann man in ihrem Buch nachlesen. 'Die Mutter des Erfolgs' ist in den USA schon extrem erfolgreich - und dass das Buch so viele Leser hat, zeigt, wie brisant das Thema ist: Die Einwanderertochter hat offensichtlich einen wunden Punkt getroffen, denn viele Eltern sind von ihren eigenen Erziehungsmethoden längst nicht mehr überzeugt.

Die gemeinen PISA-Studien scheinen der selbsternannten Tiger-Mutter Amy Chua recht zu geben. Während wir mit unserer "Hör mal, du sollst das doch eigentlich nicht tun"-Tour bildungsmäßig immer weiter absacken, belegen Asiaten fast überall die vorderen Ränge. In den USA werden die begehrten Plätze an den Eliteschulen und Unis immer öfter an chinesische Einwanderer vergeben.

Auch Amy Chuas Tochter gehört dazu. Doch der Weg dahin war hart: Ihre Mutter akzeptierte immer nur Bestnoten. Alles andere war Versagen und wurde bestraft mit vernichtenden Urteilen wie "Du bist eine Null, eine Enttäuschung." Ein schlechtes Gewissen hat Amy Chua dabei nicht: Erniedrigungen und Beschimpfungen, die jedes westliche Kind sicher in die Therapie treiben würden, stachelten ihre Tochter nämlich angeblich erst zu Höchstleistungen an.

Täglich zwang sie die erst Vierjährige zu mehreren Stunden Klavierunterricht. Egal, wie sehr ihr Kind weinte und bettelte - Amy Chua blieb hart. Kein Essen, kein Trinken, nicht mal zur Toilette durfte ihre Tochter. Erst wenn die Töne perfekt klangen, hatte Mutti ihr Kind wieder lieb. Angeblich lagen sie sich dann in den Armen und freuten sich gemeinsam, dass der harte Drill sich gelohnt hat. Mit 14 trat Amy Chuas Tochter dann tatsächlich in der weltberühmten Carnegie Hall auf.

Aber es gibt auch eine Kehrseite der vermeintlich glänzenden Medaille: Selbstmord ist die zweithäufigste Todesart bei asiatischen Einwanderkindern in den USA. Auch Amy Chua musste sich geschlagen geben - ihre zweite Tochter hatte einen noch stärkeren Willen als ihre Tiger-Mama. Sie sollte mit der Violine durchstarten - und verweigerte sich total. Die Tiger-Mama-Methode scheint also doch nicht der Königsweg in Sachen Erziehung zu sein.