Kinder an einer Grundschule: "Man kommt in die Hölle, wenn man das Kreuz malt"

© dpa, Frank Leonhardt

3. Dezember 2015 - 16:04 Uhr

Von Rebekka Kaiser

Die Kripo von Neu-Ulm ermittelte kürzlich an einem höchst ungewöhnlichen Ort wegen Volksverhetzung: einer Grundschule. Dort hatten Kinder im Alter zwischen neun und zehn Jahren islamistische Hassparolen von sich gegeben. Schockierende Sätze wie "Die Toten von Charlie Hebdo haben das doch verdient" und "Man kommt in die Hölle, wenn man das Kreuz der Christen anschaut oder malt" verließen die unschuldigen Kindermünder und entsetzten die Lehrer. Der Vorfall stimmt nachdenklich. Welche Maßnahmen können Schulen ergreifen, um einer Radikalisierung von Kindern und Jugendlichen vorzubeugen? Einige Bundesländer haben an Grund- und weiterführenden Schulen Islamunterricht eingeführt, um durch Bildung aufzuklären und strittige Verse im Koran zu diskutieren. Doch auch laut Grundgesetz haben die Kinder ein Recht auf Islamunterricht - schließlich ist dieser "Ausdruck von Freiheit und Vielfalt" in einer Demokratie. In Zeiten von fanatischen Salafisten und IS-Terroristen kann der Islamunterricht aber auch eine wichtige Maßnahme sein, um Kinder und Jugendliche davor zu bewahren, in extremistische Kreise abzugleiten.

Mittlerweile hat die Neu-Ulmer Kripo ihre Ermittlungen eingestellt, weil sie ins Leere liefen. "Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass diese Aussagen von den Kindern im Unterricht gemacht worden sind. Die Personen, die vielleicht den Kindern dieses Gedankengut vermittelt haben, konnten wir aber nicht ausfindig machen", sagt Oberstaatsanwalt Christoph Ebert zu RTL NEXT. Fest steht, dass die muslimischen Kinder den Koranunterricht an einer Moschee im Stadtteil Schwaighofen besuchen. Besagte Moschee zählt zum Verband islamischer Kulturzentren (VIKZ), der einer der größten Dachverbände in Deutschland ist. Als wir dort um eine Stellungnahme bitten, herrscht Aufregung. "Die falsche Berichterstattung erweckt den Eindruck, dass die Kinder ihre Hetzparolen in der örtlichen Moscheegemeinde der VIKZ gelernt hätten", lässt Sprecher Erol Pürlü in einem schriftlichen Statement an RTL NEXT verlautbaren. "Unsere Imane predigen den respektvollen Umgang mit andersgläubigen Menschen seien es Juden, Christen oder Nichtgläubige. Daher ist es uns unverständlich, woher Kinder derartige hetzerische Einstellungen bekommen", heißt es weiter. Auch erklärt Pürlü uns, dass der VIKZ zahlreiche Maßnahmen ergreift, um radikalisierten Kindern und Jugendlichen zu helfen.

Noch am gleichen Tag ruft uns Thomas Müller an, der PR-Berater des VIKZ. Er beklagt, dass die Berichterstattung falsch sei und eine "Muslimhetze" in den deutschen Medien stattfände. Zudem meint er, dass nicht erwiesen sei, dass die Kinder jene Sätze im Ethikunterricht sagten. Weiter übt er Kritik an der Grundschule Neu-Ulm, weil diese eine "regelrechte Hetzjagd" auf die Kinder eröffnet habe. Er wirft der Schule vor, den Vorschlag der Moschee eines 'Runden Tisches' ausgeschlagen zu haben.

Die Schulleiterin der Grundschule Neu-Ulm, Beate Altmann, verteidigt ihren Schritt, die islamistischen Parolen im Ethikunterricht öffentlich gemacht zu haben. "Die breite Öffentlichkeit muss diese Themen diskutieren und für Toleranz und Respekt einstehen", erklärt sie auf Anfrage. Altmann ist sicher, dass das, was sich an ihrer Schule zutrug, auch an anderen geschieht. "Das ist kein Einzelfall an deutschen Schulen. Wir bekamen viele Zuschriften von Schulen, die sehr ähnliche oder sogar die gleichen Probleme haben, das aber nicht öffentlich machen." Über die Gründe hierfür kann sie nur mutmaßen. "Ich kann mir vorstellen, dass sie um den Ruf ihrer Schule fürchten", erklärt sie. Die Entscheidung, den Vorfall bekanntzumachen, sei aber in Abstimmung mit den Lehrern und Eltern gefallen. Den Vorwurf der Moschee, dass eine "Hetzjagd" auf die Kinder stattgefunden habe, weist sie zurück. "Wir haben weder die Namen veröffentlicht noch die Kinder an den Pranger gestellt. Sie können ja auch nicht dafür." Altmann glaubt, dass ihren Schülern das extremistische Gedankengut eingetrichtert worden sei. "Die Kinder haben nicht gesagt, woher sie ihre Sprüche haben. Aber wir haben gefragt, in welche Moschee sie gehen. Dann haben sie den Namen der Moschee in Neu-Ulm genannt. Wir vermuten, dass sie es entweder von der Moschee oder ihren Elternhäusern oder von beiden haben. Irgendwoher muss es ja kommen", so Altmann.

Die Schulleiterin berichtet auch, dass der Iman und der Vereinsvorsitzende des VIKZ sie in ihrem Büro aufsuchten und vehement bestritten, den Kindern solch menschenverachtende Gedanken in ihrer Moschee eingetrichtert zu haben. Die Behauptung des PR-Beraters, dass sie sich nicht mit den Moschee-Mitgliedern an einen 'Runden Tisch' setzen wollte, überrascht sie sehr. "Das stimmt nicht", stellt Altmann entschieden klar. "Ich habe einen 'Runden Tisch' nicht abgelehnt, sondern gesagt, dass wir gerne reden können. Daraufhin kam dann nichts mehr", fasst sie ihre Sicht der Geschehnisse zusammen.

Die Andeutung des PR-Beraters, dass der Lehrer im Ethikunterricht Vorbehalte gegenüber muslimischen Kindern hege, schockiert sie. "Wenn das stimmen würde, wären wir alle nicht an dieser Schule. Wir haben einen hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund." Die islamistischen Parolen der Kinder sind für sie unstrittig. "In der besagten Unterrichtsstunde im Ethikunterricht war nur ein Lehrer da. Danach haben aber noch weitere Kollegen und ich mit den Kindern gesprochen. Es waren also schon mehrere Kollegen, die diese Aussagen gehört haben." An ihrer Grundschule in Neu-Ulm findet bereits seit mehreren Jahren Islamunterricht statt. Doch nur wenige ihrer muslimischen Schüler nutzen das Angebot - auch nicht jene, die mit islamistischen Parolen auffielen. "Die Mehrheit der muslimischen Kinder besucht nicht den Islamunterricht - nur 30- 40 Prozent nehmen daran teil. Die meisten muslimischen Schüler gehen in den Ethikunterricht." Über die Ursachen des Fernbleibens kann sie nur Vermutungen anstellen. "Vielleicht vergessen manche Eltern, ihre Kinder anzumelden, lesen den Anmeldebrief nicht oder wollen es nicht, weil der Islamunterricht für sie zu weltoffen und tolerant sein würde."

Deutsche Schulen setzen auf Islamunterricht

Kinder während des Islamunterrichts an einer Grundschule in Baden-Württemberg,
Kinder im Islamunterricht an einer Grundschule (Symbolfoto: Archiv).
© dpa, Patrick Seeger

Woher die Kinder die islamistischen Parolen hatten, lässt sich wohl nicht aufklären. Es bleibt aber die Frage, was deutsche Schulen unternehmen können, um einer Radikalisierung frühzeitig entgegenzuwirken. An vielen Grund- und weiterführenden Schulen wird auf freiwilliger Basis Islamunterricht angeboten. Das Fach ist jedoch nicht nur als eine Präventiv-Maßnahme zu verstehen. Denn mit dem Islamunterricht möchten die deutschen Schulen Kindern und Jugendlichen ermöglichen, sich gegenseitig auszutauschen. Nicht nur die Moscheen sollen damit eine Plattform zum Diskutieren bieten, sondern auch die Schulen, wo sich ein Großteil des sozialen Lebens der Teenager abspielt.

"Der Islamunterricht soll die Schüler dazu bewegen, über ihre Religion nachzudenken. Zudem sollen sie Wissen vermittelt bekommen", sagt der Bonner Islamlehrer Bernd Ridwan Bauknecht. Im Laufe seiner Tätigkeit sei er nur wenigen Schülern begegnet, die sich radikalisierten. "Viele Jugendliche, die islamistische Parolen ausrufen, sind nicht wirklich religiös erzogen oder haben einen guten Bezugspunkt zu ihrer Religion", meint Bauknecht. Stattdessen betont er, dass das Internet viele Gefahren für Kinder und Jugendliche birgt. "Radikale Salafisten erzielen im Netz große Erfolge. Seit 2005 haben sie das Internet beackert und dort ganz viele Seiten reingestellt. Es gibt aber gar nicht so viele Salafisten. Die zahlreichen extremistischen Webseiten gehen auf die gleichen Gruppierungen zurück", erklärt Bauknecht. "Und wenn man dann als Jugendlicher ins Internet gegangen ist und etwas zum Thema Islam gesucht hat, ist man zu 50 Prozent auf einer islamistischen Seite gelandet."

Auch die sozialen Netzwerke nutzen radikale Salafisten sowie IS-Terroristen mit großem Kalkül. Auf Facebook, Twitter und YouTube, wo viele Kinder und Jugendliche unterwegs sind, werben sie mit Videobotschaften und Bildern für den Dschihad. Im Islamunterricht sollen insbesondere ältere Schüler lernen, vermeintlich religiöse Bekenntnisse als politische Propaganda von Fanatikern entlarven zu können. "Wir sprechen auch darüber, was der Islam eigentlich bedeutet und wie eine Religion missbraucht werden kann", sagt Bauknecht.

In seinem Unterricht räumt er auch mit falschen Annahmen auf. "Bei höheren Klassen ist es wichtig, zu erklären, was die Scharia ist. Denn ganz gleich, ob Muslim oder Christ: Jeder glaubt zu wissen, was das ist. In Wirklichkeit kennen die Schüler aber weder die genauen Inhalte einer Scharia noch wissen sie, was sie wirklich bedeutet", berichtet Bauknecht aufgrund seiner langjährigen Erfahrung als Islamlehrer. Auch diskutiert er mit den Teenagern darüber, wie Begriffe wie 'Dschihad' und 'Kuffar', also 'Ungläubiger', verstanden werden können. Im Gegensatz zu radikalen Salafisten findet der Islamlehrer, dass die Verse im Koran zeitgemäß und modern auszulegen sind. "Ich möchte den Kindern vermitteln, dass es nicht nur eine Leseart des Korans gibt. Denn Gott spricht vielfältig zu den Menschen. Das heißt, der Koran wurde über die Jahrhunderte immer verschieden ausgelegt. Und diese verschiedenen Auslegungen haben sich auch über die Jahrhunderte immer akzeptiert."

Doch gibt es im Schulalltag Hinweise, wenn ein Jugendlicher in die islamistische Szene abzurutschen droht? "Natürlich muss man als Lehrer sofort einschreiten, wenn bezogen auf eine Gruppe menschenfeindliche Aussagen gemacht werden", stellt Bauknecht klar. Ein Indiz ist auch, wenn ein Schüler den Koran für das salafistische Projekt 'Lies' in der Fußgängerzone verteilt. "Auch schreitet man ein, wenn man merkt, dass jemand seinen Kleidungsstil ändert oder versucht, zu missionieren. Ich habe schon erlebt, dass jemand zu einem Lehrer gesagt hat, 'Liebe Frau Meier, werden Sie doch Muslim, sonst kommen Sie in die Hölle. Ich will Sie doch nur retten'", erzählt der Islamlehrer. Bei solchen Sätzen würde auch sehr deutlich werden, wie stark die Vorstellung von einem strafenden Gott die muslimischen Kinder und Jugendlichen unter Druck setzt. In seinem Religionsunterricht will Bauknecht daher gezielt das Bild von einem barmherzigen Gott vermitteln, der die Kinder nicht bestraft und zürnt. "Man kann im Islam eine Gottesfurcht haben, wie das auch im Christentum der Fall ist. Aber man muss keine Angst vor Gott haben", betont Bauknecht und wendet er sich gegen die Angstpädagogik von islamistischen Predigern, die damit blinden Gehorsam erzwingen wollen.

Die deutschen Schulen können mit dem Islamunterricht einen wertvollen Beitrag zur Prävention von Jugendlichen leisten. Doch das Fach ist auch wichtig, weil die muslimischen Schüler sich mit den Inhalten ihrer Religion auseinandersetzen können. Bislang schreitet der Ausbau des Islamunterrichts an deutschen Schulen allerdings nur langsam voran. In Nordrhein-Westfalen, wo mit 342.000 muslimischen Schülern die meisten leben, unterrichten momentan 64 Lehrer um die 6.500 Schüler an 92 verschiedenen Schulen. Das zeigt auf den ersten Blick, dass an vielen deutschen Schulen noch kein Islamunterricht für muslimische Kinder stattfindet.