Obdachlos in New York

Keine Unterkunft und keine warmen Mahlzeiten: Vielen bleibt nur der Glaube

Obdachlose in New York
© RTL, Janina Beck

25. März 2020 - 13:42 Uhr

von USA-Korrespondentin Janina Beck

Es regnet in Strömen, als ich vor unserem Interview-Termin in Manhattan beim Gemeindezentrum der Organisation 'Bowery Mission' ankomme. Ich bin früh dran, die Essensausgabe für Obdachlose findet erst in einer Stunde statt. Doch schon jetzt reihen sich hunderte von Menschen dicht gedrängt an der Hauswand entlang, um sich vor dem Regen zu schützen.

Keine Unterkunft und kein warmes Essen

"Normalerweise kommen etwa 200 bis 250 Obdachlose hier her, um eine warme Mahlzeit zu bekommen. Leider müssen die Leute nun draußen bleiben und dürfen nicht mehr rein, um sich aufzuwärmen. Und leider müssen wir auch auf das warme Essen verzichten - es gibt stattdessen Sandwiches und Obst", erklärt mir James Winans, der die 'Bowery Mission' leitet.

Die freiwilligen Helfer tragen Schutzhandschuhe und Mundschutzmasken. Sie bereiten sich auf die Essensausgabe vor. Die meisten Spenden kommen von amerikanischen Supermarkt-Ketten. Eingeschweißte Salate und Obstbecher. Bis jetzt sind es noch genug, doch die Organisatoren haben Angst, dass sich das bald ändern könnte.

70.000 Obdachlose in New York

Schlangen vor einer Obdachlosen-Unterkunft in New York
Schlangen vor einer Obdachlosen-Unterkunft in New York
© RTL, Janina Beck

​In New York gibt es 70.000 Obdachlose – so viele Menschen leben in einer mittelgroßen deutschen Stadt wie Aschaffenburg: Es sind Männer, Frauen, aber auch Kinder. Diese Menschen trifft die Corona-Krise besonders hart. Ich frage mich, wie Menschen strenge Hygieneregeln einhalten sollen, die nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. Die Oberdachlosen-Unterkünfte sind extrem überfüllt, viele müssen die Nächte auf der auf der Straße verbringen, während New Yorker an der Upper East Side den Frust über die Ausgangsbeschränkungen loswerden. Dabei sind selbst Menschen in kleinen Kellerwohnungen im Vergleich zu diesen Menschen mehr als privilegiert.

"Ich bin beschützt, weil ich bete"

Antoine ist Obdachlose
Antoine erzählt unserer Reporterin, dass ihm das Beten in der Corona-Krise hilft.
© RTL, Janina Beck

In der Schlange draußen treffe ich Antoine - einen Obdachlosen, der schon seit Jahren hier zur Essensausgabe im New Yorker Stadtteil Soho kommt und mir erklärt, dass die Ausgabe für ihn vielmehr als nur Essen ist.

"Hier bekommt man zwar Essen - aber viel wichtiger ist es auch, dass sie einem hier das Wort Gottes beibringen. Also quasi Spirituelles Essen. Das gehört dazu - erst das Wort Gottes und dann das physische Essen."

Als ich ihn frage, ob er Angst hat, sich mit dem Virus anzustecken, sagt er überzeugt: "Ich gebe nun ein wenig mehr Acht und versuche nicht so nah an anderen Menschen zu stehen, aber am Ende bin ich beschützt, weil ich bete und ich ein gutes Verhältnis zu Gott habe."

Er ist damit nicht allein: Viele Obdachlose sehen sich durch ihren Glauben vor der Krise geschützt. Viel mehr bleibt ihnen auch häufig nicht. Der Glaube ist es auch, der die vielen freiwilligen Helfer motiviert, hier jeden Tag stundenlang zu stehen, das Elend vor sich zu sehen und am Ende zwar erschöpft, aber auch etwas glücklicher nach Hause zu gehen.

"Ich möchte diesen Menschen zeigen, dass sie etwas wert sind"

"Diese Menschen haben nichts. Nicht mal ein Dach über dem Kopf. Ich kann zur Zeit nicht mehr arbeiten, weil alles geschlossen hat und ich möchte nicht nur zu Hause rumsitzen, sondern ich möchte diesen Menschen zeigen, dass sie auch etwas wert sind, dass sich Menschen um sie Sorgen machen und dass sie wenigstens einmal am Tag ein Lächeln bekommen", erzählt mir eine junge Frau, die seit vier Wochen jeden Tag Essen an die Armen verteilt.

Tabatha kennt viele der Obdachlosen sogar mit Namen und während ich ihr zusehe, habe ich das Gefühl, dass es genau das ist, was die Gesellschaft braucht. Zusammenhalt in dieser Krise und ein Gefühl dafür, wie gut es uns geht.