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Keine reine Kinderkrankheit: ADHS bei Erwachsenen meist unerkannt - leiden auch Sie darunter?

Experte klärt auf

Keine reine Kinderkrankheit: ADHS bei Erwachsenen meist unerkannt - leiden auch Sie darunter?

Eine gestresste Frau mit ADHS.
ADHS wird häufig als Kinderkrankheit abgestempelt. Doch auch Erwachsene können darunter leiden.
NATHANAEL KIEFER, kieferpix

von Vera Dünnwald

Ihr Kind ist impulsiv, unaufmerksam, kann sich schlecht konzentrieren und obendrauf ist es noch hyperaktiv, kann kaum still sitzen bleiben. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er ADHS hat. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung wird häufig als typische Kinderkrankheit abgestempelt. Doch es kann auch Erwachsene treffen. Das Problem. Symptome sind hier meist nicht so eindeutig – aber es gibt sie. Wir haben mit Allgemeinmediziner und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht gesprochen. Wie äußert sich ADHS bei Erwachsenen? Auf welche Symptome sollte ich achten?

Kann ich auch als Erwachsener ADHS bekommen?

Eine Frau sitzt gestresst auf dem Boden, während ihr Kind hinter ihr auf dem Sofa hin und her springt.
ADHS bringen wir häufig mit Kindern in Verbindung. Doch auch Erwachsene können betroffen sein.
AND-ONE

Meist beginnt ADHS im Kindesalter. Die Störung und die damit verbundenen Symptome sind vielfältig und nicht immer eindeutig. Faktoren wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität sowie motorische Unruhe, ein wenig ausgeprägter Konzentrationsfähigkeit und Offenheit für Reize können Indikatoren für eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung sein.

„Natürlich gibt es das auch bei Erwachsenen, auch wenn es eher selten ist“, erklärt Dr. Specht im RTL-Interview. Das Problem: „Bei ADHS muss man aufpassen, die Diagnose nicht vorschnell zu stellen – sowohl als Patient als auch als Arzt oder Psychologe. Denn wenn man falsch behandelt wird, ist das schlechter, als wäre die Diagnose erst gar nicht gestellt worden.“ Versteife man sich zu früh auf eine ADHS-Diagnose, könne das für die Heilung kontraproduktiv sein, so der Mediziner.

Bei ADHS sei es Grundvoraussetzung für eine adäquate Diagnose, dass ein spezieller Fragenkatalog angewandt wird. Haben Sie als Eltern also den Verdacht, Ihr Kind könnte ADHS haben, empfiehlt es sich, den Rat eines Experten einzuholen. Die Erkennung sollte immer ein erfahrener Kinderarzt vornehmen, um auszuschließen, dass die Symptome nicht doch eine andere Ursache haben.

Gibt es Unterschiede zwischen ADHS im Kindes- und im Erwachsenenalter?

Der Hauptunterschied zwischen ADHS im Kindes- und Erwachsenenalter, sagt Dr. Specht, liege in der Wahrnehmung: „ADHS wurde früher auch Zappel-Philipp-Syndrom genannt. Man wusste dabei sofort: Das Kind ist unruhig, stört und zeigt eben andere typische Symptome. Wir nehmen das Verhalten des Kindes also als Außenstehende war. Bei Erwachsenen ist es aber vor allem die eigene Wahrnehmung, der Patient beschäftigt sich mit sich selbst und merkt dann vielleicht: ‘Ich kann mich nicht konzentrieren’ oder ‘Ich bin schlecht organisiert.’“

Zum Beispiel wenn Unruhe verspürt wird: „Ein erwachsener Patient kann eine große innere Unruhe verspüren, die sich auf seine Konzentrationsfähigkeit auswirkt. Andere Menschen würden dies aber von außen gar nicht mitbekommen“, erklärt der Mediziner. ADHS-Symptome seien daher bei Erwachsenen weniger eindeutig und nicht so klar erkennbar wie bei Kindern und Jugendlichen – vor allem da sie auch häufig in abgeschwächter Form daherkommen.

Lese-Tipp: ADHS-Symptome: So erkennen Sie ADHS bei Kindern und Erwachsenen

Und: „Dass man sich mal schlecht konzentrieren kann oder weniger gut organisiert ist, das kennen wir alle. Das alleine ist nicht ausreichend für eine ADHS-Diagnose“, erklärt der Mediziner. Diese sei immer abhängig vom soziokulturellen Umfeld: „Wenn sich der Leidensdruck eines Patienten auf mehrere Lebensbereiche bezieht und eine starke Beeinträchtigung erwartet wird, dann kann man von ADHS sprechen.“ Ein ebenfalls guter Indikator dafür, ob ein erwachsener Mensch ADHS hat, sei zudem die Tatsache, dass die Auffälligkeiten schon im Kindesalter begonnen haben – ob mit oder ohne Diagnose.

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Kann ich ADHS nur bekommen, wenn ich es als Kind hatte? Und wann sollte ich mir Hilfe suchen?

Auch wenn man ADHS erst im Erwachsenenalter bekommen kann, ohne es jemals vorher gehabt zu haben: In der Regel könne man davon ausgehen, dass es viele Betroffene als Kinder hatten, aber einfach nie eine Diagnose erhalten haben, erklärt Dr. Specht zu RTL. „Rund 15 Prozent, die im Kinder- und Jugendalter an ADHS erkrankt sind, ziehen das mit ins Erwachsenenalter; quasi als gleitenden Übergang. Bei den allermeisten wird die Störung mit dem Alter besser und es verwächst sich häufig. Auch weil mehr Leute therapiert werden.“

Hilfe suchen sollte man sich, wenn die Symptome immer stärker werden; so stark, dass sie den Alltag belasten. „Hilfe suchen bedeutet in dem Fall nicht, dass man schon sicher weiß, dass man ADHS hat. Die Hilfe kann auch darin bestehen, überhaupt zu verifizieren, ob es ADHS oder doch etwas ganz anderes ist. Ein Facharzt ist ja auch dazu da, Diagnosen auszuschließen“, erklärt Dr. Specht.

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