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Keine Chance den Rasern: So will die Polizei jetzt der Szene an den Kragen

© dpa, Uwe Anspach, ua sab bwe fie fpt

9. September 2019 - 16:58 Uhr

Mit 130 km/h durch die 50er Zone - doch die Zivilstreife ist auf den Fersen

Von Michael Ortmann

Es ist ein gefährliches Vergnügen.  Ein junger Mann rast auf eine Ampelanlage in Köln zu. Das Fahrzeug hoch motorisiert und viel zu schnell. Mit qualmenden Reifen driftet der Mann um die Kurve. Poser – Gehabe, sehen und gesehen werden ist die Devise. Der Wagen droht auszubrechen. Der Fahrer rast weiter Richtung Kalker Hauptstraße davon. Der 26 Jahre alte Mann ist im Rausch der Geschwindigkeit. Sekundenlang geht es im Tiefflug durch Köln-Kalk.

Mit 130 Stundenkilometer jagt der 26 – Jährige seinen Ford Kuga durch die 50er Zone.Was er aber nicht weiß: Dieses Mal wird er von einer Zivilstreife verfolgt. Sie sind Teil des neu geschaffenen Einsatztrupps der Polizei in Köln. Seit vier Jahren kümmern sie sich um die Kölner Szene. Zunächst als Projekt, also mit wechselnder Belegschaft. Seit dem 1.9.19 aber sind sie eine feste Einheit mit festem Personal. Und sie jagen nun Raser, stoppen illegale Autorennen und ziehen nicht rechtmäßig getunte Fahrzeuge aus dem Verkehr der Domstadt und Leverkusen.

Köln ist ein Hotspot der Raser-Szene

"Unser Klientel ist eindeutig: Junge Männer, fast alle zwischen 18 und 25 Jahre alt und Migrationshintergrund," so Polizeihauptkommissar Jürgen Berg, der den neuen Einsatztrupp leitet."Die Fahrzeuge, die sie fahren sind oft nur geliehen. Oder aber sie haben nach dem Kauf kaum noch Geld um die Fahrzeuge legal zu tunen. Also machen sie das dann selbst und somit wird der Wagen schnell verkehrsuntüchtig."

Köln ist einer der Hotspots der Szene in NRW. Aber auch Dortmund, Essen, Duisburg.  Rasen, illegale Autorennen und illegales Tunen gehören hier zum Alltag. Im Jahr 2015 beenden mehrere tödliche Unfälle die tolerante Haltung der Kölner.

Am 26. März 2015 rasen zwei 19-Jährige über eine rote Ampel und krachen in ein Taxi. Eine Person stirbt, eine zweite wird schwer verletzt. Am 14.April 2015 schießen ein Mercedes und ein BMW über den recht schmalen Auenweg in Köln – Mühlheim. Der 22 – jährige BMW Fahrer verliert die Kontrolle und schleudert gegen die 19 Jahre alte Studentin Miriam, die mit ihrem Rad auf dem Radweg unterwegs ist. Mehrere Tage kämpfen die Ärzte um ihr Leben.  Retten jedoch können sie es nicht.

In Berlin werden erstmals zwei Raser wegen Mord verurteilt

 Marvin N. (vorne) und Hamdi H. (r.) stehen in einem Gerichtssaal und warten auf ihr Urteil. Die wegen eines illegalen Autorennen auf dem Berliner Kurfürstendamm mit unbeteiligtem Todesopfer angeklagten Raser, waren im Februar 2017
Urteil im Prozess gegen Ku'-Damm-Raser: Erstmalig wurden Raser wegen Mordes verurteilt.
© dpa, Paul Zinken, pdz

Im Juli 2015 verliert ein PKW Fahrer wieder die Kontrolle und kracht gegen einen unbeteiligten PKW. Sein Fahrzeug überschlägt sich und erfasst einen Fahrradfahrer, der später an den Folgen stirbt. Köln reagiert. Die SOKO "Rennen" wird ins Leben gerufen. Zunächst als Projekt. Heißt, das Personal wechselt, es gibt keine eigenen Fahrzeuge oder Räumlichkeiten. Denn zuerst soll der tatsächliche Bedarf ermittelt werden.

Zudem werden die Gesetze verschärft. Nun sind Rasen oder illegale Autorennen nicht mehr nur eine Ordnungswidrigkeit, sondern eine Straftat. Somit kann der Führerschein entzogen, der Wagen sichergestellt und auch verkauft sowie eine Anklage erhoben werden.  Zudem droht eine Haftstrafe. Kommen Personen zu Schaden oder werden getötet, dann kann auch unter Umständen einer Anklage wegen Mordes stattgegeben werden. In Berlin wurden so zwei Raser 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt. Es war das erste Urteil wegen Mordes bundesweit.

„Hurensöhne, Bastarde und Arschlöcher“: Fahrer beschimpft die Polizei

Und die Polizei meint es ernst. In Essen wurden in 2018 11 Fahrzeuge, in Dortmund 44 und in Köln 259 Fahrzeuge vorrübergehend sichergestellt. Die Szene kennt Alexander Schwarzer, stellvertretender Leiter des Einsatztrupps sehr gut. Und auch die Motive. "Die Szene treibt zum großen Teil ein Geltungsbedürfnis an, sich irgendwie Anerkennung zu holen, die sie in anderen Bereichen nicht bekommen. Und sie haben oft Null Einsicht. Da wird ein Mensch totgefahren oder kämpft ums Überleben und da haben die überhaupt kein Gespür für. Sie kümmern sich lieber noch um ihr Fahrzeug."

Wie das konkret aussieht, musste der Einsatztrupp der Kölner Polizei  im Fall des Ford - Kuga Fahrers aus Köln-Kalk erfahren. Als die Polizisten den Mann stoppen wollen, gibt er Gas. Obwohl die Beamten das Blaulicht einschalten fährt er ohne Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer weiter. Erst als weitere Kräfte ihm den Weg versperren, muss er anhalten. Dann beschimpfte der alkoholisierte Fahrer die Polizisten mit "Hurensöhne, Bastarde und Arschlöcher" und trat nach Ihnen. Erst als zusätzliche Kräfte angefordert wurden konnten sie den Mann mit vereinten Kräften zur Blutprobe auf die Polizeiwache bringen. Der Ford Kuga wurde beschlagnahmt und den Fahrer erwartet eine Anzeige.