Corona-Infizierte verschwinden spurlos aus den Krankenhäusern Guayaquils

Katastrophenzustand in Ecuador: „Wo ist der Körper meines Mannes?“

29. Mai 2020 - 13:33 Uhr

Immer noch Corona-Tote auf den Straßen Ecuadors

Es sind Bilder wie im Katastrophenfilm, die in der ecuadorianischen Hafenstadt Guayaquil jetzt seit Monaten zum Alltag gehören: Auf den Straßen liegen Leichensäcke, Bestatter kommen mit ihrer Arbeit nicht hinterher und immer wieder sollen Menschen aus Krankenhäusern einfach verschwinden. Es weiß niemand, wo sie sein sollen - keiner kann Auskunft geben. Angehörige sind am Boden zerstört und Ecuadors Regierung scheint mit der Corona-Pandemie komplett überfordert zu sein. Unser Video zeigt die erschütternden Bilder.

Corona-Tode verschwinden spurlos aus den Krankenhäusern

Krankenhaus in Guayaquil
Unter anderem sollen Corona-Tote aus diesem Krankenhaus in Guayaquil spurlos verschwunden sein.

Einen geliebten Menschen durch Corona zu verlieren, ist schlimm genug. Doch wenn der Angehöri noch nicht einmal beerdigt werden kann, weil niemand weiß, wo die Leiche ist – das ist purer Horror. Doch genau so ergeht es gerade vielen Menschen in Guayaquil, dem Corona-Epizentrum Ecuadors.

Auch Angel Espinoza und seine Familie leben jetzt seit Monaten im Ungewissen und dabei waren sie zu Beginn so froh darüber, dass Espinozas Mutter im Krankenhaus Hilfe fand. Wie viele andere war sie an Corona erkrankt. "Ich bin gerade bei meiner Mutter. Sie ist ruhig, aber Gott sei dank, sie bekommt jetzt Sauerstoff", hatte Angel Espinoza noch vor wenigen Monaten in einem Handyvideo berichtet. Zuversichtlich lächelten er und seine Mutter damals noch in die Kamera. Unwissend, dass dies die offenbar letzten gemeinsamen Aufnahmen sein werden, denn als RTL die Familie jetzt wieder traf, berichtet Victor Espinoza: "Sie ist verschwunden. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen. Zwei Monate ist das jetzt her. Ich habe sie weder tot noch lebend im Krankenhaus finden können. Ich habe vom Krankenhaus nie eine Auskunft bekommen."

Container voller Leichen mit ungeklärter Identität

Container voller Leichen vor einem Krankenhaus in Guayaquil.
Container voller Leichen vor einem Krankenhaus in Guayaquil.

Wie Angel und seiner Familie ergeht es gerade dutzenden anderen in Guayaquil. Mit Plakaten und Fotos ihrer Liebsten gehen sie derzeit nahezu täglich auf die Straße, um nach ihren Vätern, Müttern, Großeltern oder sogar Kindern suchen. Sie alle sollen nach einer Corona-Infektion einfach aus dem Krankenhaus verschwunden sein und sind vermutlich längst nicht mehr am Leben. "Mein elfjähriger Sohn mit Down-Syndrom fragt nach seinem Vater und ich weiß nicht, wo er ist. Er liegt dort wie ein Hund. Das ist nicht gerecht. Sie müssen mir doch sagen, wo der Körper meines Mannes ist", sagt Ana Gomez auf er Straße in Guayaquil. Doch eine Hoffnung sollen die Menschen noch haben: Nahe der Krankenhäuser stehen Container. Darin sollen etwa 130 Leichen liegen, deren Identität ungeklärt sei.

Ecuadors Präsident ergreift Maßnahmen

"Diese Situation mit den verlorenen Körpern ist eine der dramatischsten Dinge, die wir hier dokumentiert haben. Das bewegt die Menschen in Ecuador, in Guayaquil sehr. Dieses Chaos ist die Folge der Überlastung. Im März gab es sehr viele Todesfälle in Privathaushalten, vor allem in den ärmeren Gegenden", schätzt Menschenrechtsverteidiger Billy Navarrete die Lage in Ecuador ein. Ecuador sei eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder Südamerikas. Die Zahl der Corona-Infizierten sei im März und April insbesondere in der Hafenstadt Guayaquil angestiegen. Daraufhin soll das Gesundheitssystem zusammengebrochen sein. Die Folgen: Krankenhäuser sollen innerhalb kürzester Zeit maßlos überfüllt gewesen sein und auch Leichenhallen seien immer noch überlastet.

Anfang Mai hat Ecuadors Präsident erstmals "Probleme" beim Umgang mit Corona-Toden eingeräumt. Wegen des Zusammenbruchs des Gesundheitssystems sowie eines Platzmangels in den Leichenhallen der Krankenhäuser habe die Regierung "in der Anfangsphase" der Pandemie "Probleme" bei der Unterbringung der Leichen gehabt, sagte Lenín Moreno. Als Grund gab er an, dass seine Regierung "jedem Ecuadorianer eine würdige Bestattung" habe ermöglichen wollen - "nicht wie in anderen Ländern, die Massengräber geöffnet haben".

Die Verzweiflung ist groß: Tote werden an der Straße abgelegt oder verbrannt

Victor Espinoza auf der Suche nach seiner Mutter.
Victor Espinoza sucht in Guayaquil nach seiner Mutter, die zuvor an Corona erkrankt war.

Offenbar war dies ein Entschluss mit weitreichenden Folgen. Bereits im April hatte eine Frau aus Guayaquil RTL berichtet: "Viele haben die Bestatter angerufen, aber die sagen immer nur, wir kommen schon." Doch niemand sei gekommen. In ihrer Verzweiflung sollen betroffene Familien ihre toten Angehörigen an den Straßen abgelegt oder sie sogar selbst verbrannt haben.

Um der Lage Herr zu werden, habe die Regierung unter anderem eine Spezialeinheit aus Polizei und Militär gebildet. Diese sollen die Leichen aus Häusern und Straßen einsammeln. Außerdem soll der Generalstaatsanwalt des Landes mittlerweile eine öffentliche Untersuchung gegen drei Krankenhäuser in Guayaquil eingeleitet haben. Der Vorwurf laute, dass die Krankenhäuser die Protokolle zur Identifizierung nicht befolgt haben sollen.

Trotz Maßnahmen das Chaos und die Verzweiflung in Guayaquil bleibt

Doch trotz aller Maßnahmen der Regierung befinde sich Guayaquil immer im Chaos. "Einige Körper werden in Kühlcontainern aufbewahrt. Doch dabei sind auch Körper, die sich zersetzen und so erfolgt die Identifizierung in drei Phasen: Fingerabdrücke, Anthropologie und schließlich DNA", berichtete Mario Corrales, Leiter des forensischen Wissenschaftslabors. Bislang sollen die Experten mehr als 60 Leichen durch Fingerabdrücke identifiziert haben, bis allerdings alle Familien die Gewissheit haben, wo ihre Angehörigen verblieben sind, vergehen vermutlich noch Monate.