Kassenstudie: Jeder vierte Schüler mit Psycho-Problemen

Eine Schülerin geht in einen Klassenraum. Foto: Peter Steffen/dpa/Archivbild
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12. Dezember 2019 - 15:40 Uhr

Ein Viertel der Brandenburger Schüler geht nach einer Studie der DAK-Krankenkasse unter ihren Versicherten wegen psychischer Erkrankungen zum Arzt. Für den Report hat die Kasse die Abrechnungsdaten von rund 18.200 Kindern und Jugendlichen im Land zwischen 10 und 17 Jahren für das Jahr 2017 ausgewertet. Am häufigsten waren Diagnosen zu Entwicklungs- und Verhaltensstörungen.

Bei rund zwei 2 Prozent der Kinder und Jugendlichen wurde 2017 eine Depression diagnostiziert, 2,3 Prozent hatten eine dokumentierte Angststörung. Hochgerechnet auf alle Schüler dieser Altersgruppe im Land geht die DAK von 6600 Betroffenen aus. Solche Berechnungen sind allerdings umstritten, da Krankenkassen unterschiedliche Versichertengruppen haben.

Die bundesweiten Ergebnisse dieser Studie hatte die Kasse bereits im November vorgestellt. Demnach diagnostizierten Ärzte bei 1,9 Prozent der versicherten Schüler in diesem Alter eine zumeist mittelschwere depressive Episode und bei 2,2 Prozent eine Angststörung. Brandenburg liegt damit im Durchschnitt.

Alle psychischen Erkrankungen bei Kindern und Teenagern zusammen machten im Bundesschnitt rund ein Viertel (24 Prozent) aller Diagnosen bei DAK-Versicherten aus. In Brandenburg waren es mit 25 Prozent (4505 Fälle) ähnlich viele.

Vor allem jüngere Schulkinder in Brandenburg fielen am häufigsten durch Entwicklungsstörungen auf, heißt es im DAK-Bericht. Dazu gehören zum Beispiel Sprach- und Sprechstörungen. Verbreitet seien auch Verhaltensstörungen wie das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS).

Ängste und Depressionen treten oft parallel auf: Jeder sechste Junge in Brandenburg mit einer diagnostizierten Depression hat parallel auch eine Angststörung. Bei den Mädchen ist es fast jedes vierte. Der Verschreibungsanteil von Antidepressiva liegt - anders als im Bundestrend - bei Jungen etwas höher als bei Mädchen.

Wesentlich höher als im Vergleich mit anderen Bundesländern ist in Brandenburg der Anteil von Einweisungen in eine Klinik: Zehn Prozent der Brandenburger Schulkinder mit einer diagnostizierten Depression wurde 2017 stationär behandelt, durchschnittlich mehr als einen Monat lang (38 Tage). Im Bundesdurchschnitt waren es knapp unter acht Prozent.

Dass Depressionen nicht allein ein Thema für Erwachsene sind, ist bekannt. "Wir gehen von etwa zwei betroffenen Kindern pro Schulklasse aus", sagt Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Der Psychiater schätzt die Zahlen der Kasse als realistisch ein. Die Stiftung geht davon aus, dass im Vorschulalter ein Prozent der Kinder und im Grundschulalter rund zwei Prozent betroffen sind. Bei Jugendlichen stiegen die Raten dann an: Zwischen 12 und 17 Jahren seien es drei bis zehn Prozent Betroffene.

Eine Depression könne sowohl genetisch bedingt als auch zum Beispiel durch Traumatisierungen oder Missbrauchserfahrungen erworben sein, erläuterte Hegerl. Fachleute seien sich heute einig, dass die Neigung zu Depressionen in Deutschland nicht steigt. Vielmehr gebe es mehr Diagnosen, weil Ärzte das Leiden besser erkennen und mehr Menschen als früher bereit sind, sich Hilfe zu suchen.

Bei Teenagern kann es für Laien schwer sein, Anzeichen für eine Depression vom normalem "Pubertieren" mit heftigen Stimmungsschwankungen zu unterscheiden. Für Fachleute sei es jedoch recht gut möglich, zum Beispiel Gefühle von innerer Versteinerung zu erkennen, so Hegerl.

Hendrik Karpinski, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Niederlausitz, weiß, dass psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen in Brandenburger Kliniken und Praxen Alltag geworden sind. Anzeichen für eine Depression könnten nach Worten des Arztes Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Probleme in der Schule sein. Wann ist es nur ein Tagestief und wann schon eine anfängliche Depression - das sei in der Tat schwer feststellbar, sagte Karpinski. Eltern sollten ihren Kindern gegenüber Gesprächsbereitschaft und Verständnis zeigen und vor allem wachsam sein. "Es geht nicht nur um Problemlösung, sondern vor allem ums Zuhören", sagte er.

Insgesamt flossen in den Report für das Land Brandenburg die Abrechnungsdaten von rund 40.900 Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 17 Jahren sowie - wegen erblicher Veranlagungen - deren Eltern aus den Jahren 2016 und 2017 ein. Das entspricht nach Angaben der Kasse rund 10,5 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Land. Insgesamt zählten Atemwegsprobleme (54 Prozent), Infektionen (31 Prozent), Hauterkrankungen (28 Prozent) und Muskel-Skelett-Erkrankungen (27 Prozent) zu den häufigsten Leiden. Psychische Erkrankungen folgten mit 25 Prozent auf dem fünften Platz.

Quelle: DPA