RTL News>

Kassel: Ärzte kritisieren Umgang mit Masseninfektion in Flüchtlingsunterkunft

"Zu viele Menschen auf zu kleinem Raum"

Kassel: Ärzte kritisieren Umgang mit Masseninfektion in Flüchtlingsunterkunft

Außenaufnahme von der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete im Kasseler Stadtteil Niederzwehren.
Die Flüchtlingsunterkunft in Kassel.
spf, dpa, Swen Pförtner

Einhaltung der Hygieneregeln extrem schwierig

Nach einer Masseninfektion mit 112 Covid-Fällen in einer Kasseler Flüchtlingseinrichtung werfen dort eingesetzte Ärzte dem Regierungspräsidium Gießen Versäumnisse vor. "Weil zu viele Menschen auf zu kleinem Raum zu eng zusammen sind, ist es zu dieser Häufung gekommen", sagte der Allgemeinmediziner Helmuth Greger, Organisator des Ärzteteams der Erstaufnahme. Die Mediziner kümmern sich dort seit Jahren um die Gesundheit der Bewohner, die Einhaltung der Hygieneregeln sei für die Flüchtlinge angesichts der Situation aber extrem schwierig.

Kasseler Ärzteteam: "Wir hatten das Gefühl, das wir nicht ernst genommen werden"

Nach Corona-Fällen Anfang Oktober hätten die Mediziner darauf hingewiesen, dass die positiv Getesteten in anderen Einrichtungen untergebracht werden müssten. "Wir hatten das Gefühl, dass wir nicht ernst genommen werden", erklärte Greger. Eine Isolation der Erkrankten unter strengen hygienischen Bedingungen sei dort problematisch. "Man muss die Infizierten von den Nichtinfizierten trennen, dafür reichen die Räumlichkeiten nicht aus." Auch bei einem Krisengespräch Anfang dieser Woche seien die Bedenken der Mediziner offenbar nicht ernst genommen worden. "Daher war völlig klar, dass sich die Situation so entwickelt."

Regierungspräsidium Gießen will Corona-Ausbruch analysieren

Das für die Erstaufnahme zuständige Regierungspräsidium erklärte, eine Verlegung infizierter Personen komme aus fachlichen Gründen nicht in Betracht. Dadurch könnten neue Infektionsketten ausgelöst werden. Zudem sei angesichts von 480 zur Verfügung stehenden Plätzen und einer Belegung mit 300 Personen eine adäquate Unterbringung gewährleistet. "Wir werden das Ausbruchsgeschehen genau analysieren und anhand der ermittelten Infektionsketten in Kooperation mit dem Gesundheitsamt geeignete Maßnahmen ergreifen", sagte ein Sprecher.

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Über Nacht zum Hotspot: Corona-Inzidenz am Donnerstag bei 97,6

Der Corona-Ausbruch hatte Kassel über Nacht in die höchste Infektionswarnstufe des Landes Hessen katapultiert. In der nordhessischen Stadt lag die Zahl der Infektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen am Donnerstag bei 97,6. Sie ist damit die Region mit der höchsten Inzidenz in Hessen – obwohl es ohne den Ausbruch im Flüchtlingsheim unter dem kritischen Wert von 50 geblieben wäre und die Einrichtung bereits seit Tagen unter Quarantäne stand. "Ob es gerechtfertigt ist oder nicht: Wir müssen gemeinsam Anstrengungen unternehmen, damit diese Inzidenz wieder runtergeht", sagte Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD). Angesichts steigender Infektionszahlen hätte Kassel vermutlich ohnehin in den nächsten Tagen die kritische Schwelle überschritten.

Kritik an Waffenbörse mit tausenden Besuchern

Die Stadt hatte als Reaktion auf die Entwicklung unter anderem eine Waffenbörse verbieten wollen, zu der tausende Besucher erwartet werden. Doch die dürfte am Donnerstag zunächst starten, nachdem das Verwaltungsgericht in einem Eilverfahren dem Veranstalter, der Expo Management GmbH, Recht gegeben hatte. Es herrsche große Erleichterung bei Ausstellern und Besuchern, endlich wieder "Business as usual" - wenn auch unter Auflagen - auf der Traditionsmesse machen zu können, erklärte der Veranstalter. Zudem gebe es ein Hygienekonzept. Die Veranstaltung soll bis Sonntag gehen.

Geselle kündigte Beschwerde vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel an. Wenn die Messe weiter stattfinde, sei alles hinfällig, was an Corona-Beschränkungen in den vergangenen Tagen beschlossen worden sei.


Quelle: dpa/RTL.de