Bericht bringt die Kanzlerin in Erklärungsnot

Merkel soll früher von AstraZeneca-Risiko für Jüngere gewusst haben

Bundeskanzlerin Angela Merkel soll am Freitag über AstraZeneca-Gefahr informiert worden sein.
Bundeskanzlerin Angela Merkel soll am Freitag über AstraZeneca-Gefahr informiert worden sein.
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03. April 2021 - 9:58 Uhr

Bundeskanzlerin Angela Merkel soll am Freitag über AstraZeneca-Gefahr informiert worden sein

Bundeskanzlerin Angela Merkel soll laut einem Bericht viel früher darüber informiert worden sein, dass die Impfungen mit dem Wirkstoff von AstraZeneca gestoppt werden müssten. Doch das Kanzleramt soll erst Tage später reagiert haben.

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StiKo-Chef soll die Kanzlerin persönlich informiert haben

Wie das "ZDF" berichtet, soll der Chef der Ständigen Impfkommission (StiKo) Kanzleramtsminister Helge Braun und Kanzlerin Angela Merkel bereits am Freitag persönlich darüber informiert haben, dass der AstraZeneca-Impfstoff für bestimmte Altersgruppen "aller Wahrscheinlichkeit nach" erneut gestoppt werden müsste. "Am Freitag fand ein Gespräch zur Information zwischen Prof. Mertens und dem Bundeskanzleramt statt", wird eine StiKo-Sprecherin im Bericht zitiert. 31 Fälle von Sinusvenenthrombosen und neun verstorbene seien zu viel gewesen, heißt es weiter. Danach habe im Kanzleramt Krisenstimmung geherrscht. Dort sei allen klar gewesen, was das bedeutet: "Die Impfstrategie - sowieso schon ein wackeliges Konstrukt - wird noch mehr ins Wanken geraten, das Image von AstraZeneca irreparabel beschädigt werden."

Doch erst am Dienstagabend, also vier Tage später, hatte ein kurzfristig einberufener Bund-Länder-Krisengipfel beschlossen, dass das Vakzin des britisch-schwedischen Pharmakonzerns nur noch bei Menschen über 60 Jahren eingesetzt werden soll. Laut "ZDF" habe das Kanzleramt zunächst noch weitere Meinungen von Experten einholen wollen und deshalb gezögert, bevor man ein weiteres Mal den Impf-Stopp von AstraZeneca verkündet.

"Angesichts der nationalen Tragweite der Entscheidung bat die Bundeskanzlerin darum, auch die Expertise des Ethikrates und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina hinzuzuziehen", so eine Regierungssprecherin gegenüber "ZDF".

Bericht: Kanzleramt soll StiKo-Bericht zurückgehalten haben

Im Bericht heißt es weiter, dass am Wochenende und am Montag laut Robert-Koch-Institut (RKI) insgesamt 314.383 Menschen mit AstraZeneca geimpft worden seien. Dabei sei dem Kanzleramt bewusst gewesen, dass das, was "gerade gespritzt wird, wissenschaftlich erneut hoch umstritten ist".

Im "ZDF"-Bericht wird auch erwähnt, dass die Kanzlerin in der ARD-Talkshow "Anne Will" am Sonntag vorgerechnet hatte, dass man "für über 50 Millionen Menschen schon ein Impfangebot Ende des zweiten Quartals" haben werde. Dabei habe sie zu dem Zeitpunkt bereits gewusst, dass Millionen Menschen den Impfstoff von AstraZeneca vermutlich vorerst nicht verabreicht bekommen werden. Auch wird ihr vorgeworfen, die Sorge des StiKo-Chefs für sich behalten zu haben. Einen Tag später hatte die StiKo schließlich eine entsprechende Impf-Empfehlung geändert, worauf die Kanzlerin dann reagiert hatte.

Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen kritisierte die Vorgehensweise des Kanzleramts. "Die Bundesregierung hat offenbar trotz Wissens um die neuerliche Notwendigkeit von Anpassungen der Impfempfehlung nicht die Abstimmung mit den Leitungen der Kliniken und Impfzentren vor Ort gesucht." SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte dem Portal hingegen: "Es war richtig, dass der Entscheidung der Stiko nicht vorgegriffen wurde, weil die Daten das gesamte Wochenende über noch geprüft wurden."