Kampf gegen illegale Autorennen in Köln: "Wir machen die Raser zu Fußgängern"

15. April 2016 - 14:32 Uhr

Serie tödlicher Rennen in Köln

Alleine im vergangenen Jahr starben in Köln drei Menschen, weil sie Opfer illegaler Autorennen wurden – als Radfahrer oder Fußgänger, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Die Stadt will jetzt auf breiter Front gegen die Raser vorgehen. Bereits seit Anfang Mai geht eine eigens gegründete Ermittlergruppe gegen die Raserszene vor.

Mahnwache Köln Raseropfer
Mehr als 200 Menschen gedachten am Donnerstagabend dem jüngsten Raser-Opfer, einem 26-jährigen Radfahrer.
© dpa, Oliver Berg

Die beiden Männer, 26 und 29 Jahre alt, rasen durch die Kölner Innenstadt. Sie liefern sich ein Rennen mit Autos, die sie zuvor gemietet haben. Plötzlich verliert einer die Kontrolle. Der weiße BMW wird regelrecht durch die Luft katapultiert, überschlägt sich mehrfach. Der Wagen, so schätzt die Polizei, muss mindestens 30 bis 40 Meter weit geflogen sein. Ein 26-jähriger Radfahrer wird auf einem Zebrastreifen erfasst. Drei Tage später stirbt er an seinen schweren Verletzungen. Er ist das jüngste mutmaßliche Todesopfer illegaler Autorennen. Gegen die Fahrer, die in den Crash verwickelt waren, wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.

Die viertgrößte Stadt Deutschlands ist berüchtigt für ihre Raserszene - und für ihre brutalen Verkehrsschneisen mitten durch das historische Zentrum. Damit soll jetzt Schluss sein. "Wir werden die Raser zu Fußgängern machen", sagte eine Stadtsprecherin. An populären Stellen und Treffpunkten werde verstärkt kontrolliert. Der Verkehr soll zum Beispiel durch Poller oder Bremsschwellen verlangsamt werden. Außerdem will die Stadt enger mit der Justiz und Autovermietungen zusammenarbeiten. Die Ermittlergruppe 'Rennen' hofft zudem auf Hinweise aus der Bevölkerung. "Wer weiß, wo solche Treffpunkte sind, oder wo öfter solche Rennen gefahren werden, soll uns unbedingt informieren", sagte Polizeipräsident Wolfgang Albers.

Begonnen hatte die Kölner Serie tödlicher Autorennen 2015 am 26. März: Ein 19-jähriger Autofahrer krachte in ein Taxi, in dem ein österreichischer Fahrgast starb. Der junge Mann hatte sich der Polizei zufolge mit einem 21-Jährigen ein Rennen geliefert. Am 14. April der nächste Tote: In Köln-Mülheim rasten ein 22 und ein 21 Jahre alter Autofahrer mit Limousinen durch die Stadt. Das Todesopfer: eine junge Radfahrerin, 19 Jahre alt. Sie trug einen Helm und fuhr vorschriftsmäßig auf einem Radweg. Das Auto des mutmaßlichen Rasers soll mehr als 100 Stundenkilometer schnell gewesen sein.

"Das Auto als Waffe zu benutzen, ist wie Russisches Roulette"

Illegale Autorennen sind aber längst nicht nur ein Problem in Köln. Auch aus anderen Regionen Deutschlands gibt es Berichte über Rennen, die sich nicht mehr im Verborgenen, beispielsweise in abgelegenen Gewerbegebieten, sondern teils innerstädtisch abspielen. Manchmal würden dabei hohe Geldpreise ausgesetzt, sagt Karl-Friedrich Voss, Vorsitzender des Bundesverbandes Niedergelassener Verkehrspsychologen. "Eine andere Variante ist die, dass Menschen gegen die Uhr fahren". Manchmal beginnen die Rennen aber auch spontan irgendwo im Stadtgebiet: "Da stehen zufällig zwei an einer Ampel, die nehmen Blickkontakt auf, und dann wird losgerast", so Albers.

Die Beteiligten sind meist junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren. "Leute, die ihr Selbstbewusstsein sehr stark mit dem Auto verknüpfen", erläutert Voss. Häufig sähen sie im Beruf keine Perspektive und seien auch nicht in einer Familie verankert. "Das Auto ist ja auch durchaus eine anerkannte Methode der Selbstdarstellung, gerade in Deutschland. Und manche übertreiben das und fühlen sich in ihrem Selbstverständnis angegriffen, wenn andere schneller sein wollen". Solche Männer könne man nur ändern, wenn man ihre Probleme im Beruf oder im Privatleben löse, meint Voss.

Roman Suthold vom ADAC ist davon überzeugt, dass hier Hollywoodfilme wie 'Fast & Furious' fatale Vorbilder liefern. Dazu kämen Computerspiele. "Die spielen diese Autorennen virtuell, und denken dann, weil sie's am Computer beherrschen, könnten sie's auch in der Realität. Und diese Spiele geben auch städtische Rennen wieder - genau das, was in Köln abgelaufen ist", so Suthold. Kölns ehemaliger Oberbürgermeister Fritz Schramma, dessen Sohn als Fußgänger selbst Opfer eines solchen illegalen Rennens wurde, meint: "Dieser Kick, ein Auto als Waffe zu benutzen, das ist ja fast wie Russisches Roulette".

Die Deutsche Polizeigewerkschaft schloss sich als Reaktion auf die Vorfälle einer Forderung der Grünen an: Eine PS-Obergrenze für junge Autofahrer sei prüfenswert. Es sollte darüber nachgedacht werden, "den Zugang junger Fahrer zu leistungsstarken Autos zum Selbst- und Fremdschutz einzuschränken", forderte der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Erich Rettinghaus.