Kamen 144 Tonnen Pferdefleisch nach Deutschland?

Pgerdeflleisch Skandal
Der luxemburgische Hersteller Tavola scheint einer der dicksten Fische im Pferdefleisch-Skandal zu sein.
REUTERS, ERIC VIDAL

EU-interne Liste soll dies belegen

Der Pferdefleisch-Skandal nimmt immer größere Dimensionen an: Von Fertiggerichten aus Luxemburg sind laut 'Spiegel' knapp 144 Tonnen nach Deutschland gelangt. Das gehe aus einer internen Liste der Europäischen Kommission hervor. Von den insgesamt 1.596 Tonnen luxemburgischer Fertiggerichte hätten zwischen November 2012 und Januar 2013 knapp zehn Prozent den Weg nach Deutschland gefunden.

Kontrolleure hätten entdeckt, dass für bis zu 2,8 Millionen Packungen Lasagne, Cannelloni oder Moussaka des Herstellers Tavola nicht nur wie angegeben Rindfleisch, sondern auch Pferdefleisch verarbeitet worden sei, hieß es.

Zuvor hatte das Bundesverbraucherschutzministerium bestätigt, dass 179.000 verdächtige Lasagne-Packungen nach Deutschland importiert wurden. Sie sollen entgegen den Angaben auf der Verpackung auch Pferdefleisch enthalten haben.

Die aus dem Ausland importierten verdächtigen Fertigprodukte wurden aus den Verkaufsregalen genommen. Sie stammen unter anderem vom französischen Fleischverarbeiter Comigel, der über seine Luxemburger Filiale deutsche Lebensmittelketten beliefert hatte.

Doch auch hierzulande gibt es erstmals Hinweise darauf, dass Hersteller von Fertigprodukten Pferdefleisch verwendet haben. Die Brandenburger Firma Dreistern-Konserven räumte ein, Rindergulasch eigener Herstellung enthalte Spuren von Pferdefleisch. Auf ihrer Internet-Seite teilte die Neuruppiner Firma mit, Pferde-DNA sei in Konserven mit der Bezeichnung 'Rindergulasch 540g Omnimax' nachgewiesen worden. Zu den Ursachen erklärte die Firma: "Die nachgewiesen Spuren von Pferde-DNA können im Rahmen der Fleischverarbeitung bereits durch die Nutzung gemeinsamer Schlachthäuser oder Transportbehälter entstanden sein."

Dreistern hatte sechs Lieferanten. Es handele sich um vier deutsche, ein belgisches und ein niederländisches Unternehmen, teilte das brandenburgische Verbraucherschutzministerium mit. Mittlerweile seien alle produzierten Chargen Rindergulasch zurückgerufen worden.

Scheiterte eine Kennzeichnung an deutschem Widerstand?

Laut 'Spiegel' könnte eine Kennzeichnung für verarbeitete Produkte bereits existieren, hätte es nicht Widerstand auch der deutschen Politik dagegen gegeben. Nach der im November 2011 veröffentlichten europäischen Lebensmittelinformationsverordnung solle nicht nur bei Rindfleisch die Herkunftsangabe verpflichtend sein, sondern ab Dezember 2014 auch für Schweine-, Schaf-, Ziegen- und Geflügelfleisch. Die Regelung gelte aber nicht, wenn das Fleisch nur eine von vielen Zutaten sei. Dies ist aber bei Fertiggerichten der Fall.

"Wir haben damals sehr viel weitergehende Regelungen gefordert, wurden aber vor allem von konservativen und liberalen Abgeordneten aus Deutschland ausgebremst", zitiert das Magazin den Grünen-Abgeordneten im Europa-Parlament, Martin Häusling.

Die Liste der falsch deklarierten Produkte wächst derweil stetig: Aldi Süd hat zwei Fertiggerichte aus den Regalen verbannt. Betroffen sind die 'Ravioli, 800 g Dose (Sorte Bolognese)' und 'Gulasch, 450 g Dose (Sorte Rind)'. Lidl hat die 'Tortelloni Rindfleisch' aus dem Verkauf genommen und bei Kaiser's Tengelmann wurde die 'A&P'-Tiefkühllasagne aus den Regalen geräumt. Zuvor hatten bereits die Metro-Tochter Real und die Supermarktkette Edeka Fertiggerichte mit Pferdefleisch entdeckt, die eigentlich nur Rind enthalten sollten. Als weitere Handelskette hat Konsum Leipzig eine verdächtige Tiefkühllasagne aussortiert.

Die Verbraucherminister von Bund und Ländern wollen am Montag bei einer Sondersitzung über Konsequenzen aus dem Pferdefleisch-Skandal beraten. "Da der Betrugsfall immer größere Dimensionen annimmt, müssen Länder und Bund im engen Schulterschluss schnell und konsequent handeln", forderten die Vorsitzende der Verbraucherschutzministerkonferenz der Länder, Hessens Umweltministerin Lucia Puttrich und Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner. Aigner trat in der 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung' für ein nationales Kontrollprogramm ein, das über die von der EU beschlossenen Maßnahmen hinausgehen soll.

Vertreter der EU-Staaten hatten sich darauf geeinigt, bei der Fahndung nach falsch deklariertem Pferdefleisch auf Gentests zu setzen. Außerdem wollen die Staaten nach Rückständen des entzündungshemmenden Medikaments Phenylbutazon suchen, das in Pferdefleisch in Großbritannien entdeckt worden war. Das Mittel ist für den Einsatz bei Tieren, die später verzehrt werden sollen, nicht zugelassen. Nach Angaben des Bundesverbraucherschutzministeriums wurde dieser Stoff bislang in Fertigprodukten in Deutschland nicht nachgewiesen.