Happy Birthday, "Big George"!

K.o.-Monster, Pfarrer, Grill-Verkäufer: George Foreman wird 70

30. Oktober 2019 - 19:55 Uhr

Die Foreman-Story: Vom bösen Mann zum geliebten Hirten

Von Martin Armbruster

Als George Foreman 1974 vor einer staunenden Schar Journalisten und Fotografen auf einen Sandsack eindrosch, fürchtete die Welt um das Leben Muhammad Alis. Mit seinen wuchtigen Haken hatte der grimmig dreinschauende Amerikaner in nur wenigen Minuten eine veritable Delle in die riesige "Heavy Bag" gehauen. Man fragte sich, was diese Fäuste nur mit dem schönen Antlitz Alis anrichten würden, für den damals in Deutschland Großväter nachts ihre Enkel weckten, um "The Greatest" die Daumen zu drücken.

Gefürchteter K.o.-Schläger

Der George Foreman jener Zeit war eine furchterregende Gestalt. In Texas aufgewachsen, hatte er mit 15 die Schule geschmissen und geriet auf die schiefe Bahn. Gewalt gehörte zu seinem Alltag. Als er Preisboxer wurde, drängte sich der Eindruck auf, Foreman mache es geradezu Spaß, seinen Gegnern Schmerzen zuzufügen.

Joe Frazier bekam das 1973 in Jamaika zu spüren. Sechsmal schlug "Big George" den amtierenden Schwergewichts-Champion in zwei Runden zu Boden. Gegen die Wucht Foremans wirkte "Smokin Joe" wie eine Dampflock ohne Kohlen. Foreman war jetzt der "baddest man on the planet" – der böseste Mensch des Planeten. Ein Jahr später pulverisierte der Weltmeister den Ali-Bezwinger Ken Norton. Auch diese Machtdemonstration dauerte bloß zwei Runden. Immerhin: Frazier und Norton ereilte die Gnade eines frühen K.o. Ali, da waren sich meisten Experten sicher, drohte beim "Rumble of the Jungle" ein weitaus schlimmeres Schicksal.

Niederlage gegen Muhammad Ali im legendären "Rumble of the Jungle"

George Foreman (l) richtet sich wieder auf, nachdem er von Muhammad Ali (r) in der achten Runde des Schwergewichts-Weltmeisterschaftskampfes am 29.10.1974 in Kinshasa K.O. geschlagen wurde. Foreman verlor damit seinen Schwergewichtstitel an Ali.
Gegen Muhammad Ali ging George Foreman im legendären "Rumble of the Jungle" k.o.
© picture alliance /, UPI

Es kam bekanntlich anders: Zwar prügelte Foreman am 30. Oktober 1974 in Kinshasa bisweilen auf den in den Seilen hängenden Ali ein, als sei dieser tatsächlich ein wehrloser Sandsack. Allerdings war dies Teils von Alis gewiefter "Rope-a-Dope"-Strategie. Das K.o.-Monster sollte sich verausgaben. "Ich erwischte ihn voll und er flüsterte mir nur ins Ohr: 'Ist das alles, was du hast George?'. Da wusste ich: Ich bin in echten Schwierigkeiten", verriet Foreman Jahre später, als er und Ali längst Freunde geworden waren.

Acht Runden schwang er in der schwülen Kongo-Hitze seine Haken – bis die mächtigen Arme schwer und die Luft dünn wurde. Da explodierte der "Größte" und schickte seinen Landsmann mit einer Kombination aus linkem Haken und rechter Gerade auf die Bretter. Foreman kam nicht rechtzeitig auf die Beine. Sein WM-Titel war futsch, der Nimbus der unbesiegbaren K.o.-Maschine ebenso.

Houston, wir haben einen Pfarrer

American heavyweight boxer George Foreman stands in the spotlight in the ring, early 1990s. (Photo by Chris Smith/Getty Images)
Im Glauben fand Foreman seine Erleuchtung
© Getty Images, Chris Smith

Nach der Demütigung in Afrika fiel Foreman in ein tiefes Loch aus Depressionen und Selbstzweifeln. Zwar lieferte er sich 1976 noch eine epische Keilerei mit Ron Lyle, die er durch K.o. gewann. Ein Jahr später aber brach er nach einer unerwarteten Pleite gegen Jimmy Young mit einem Hitzeschlag in der Kabine zusammen. Er sei dem Tod nahe, der Kollaps eine "göttliche Erweckung" gewesen, erzählte Foreman. Mit 27 hängte "Big George" die Boxhandschuhe an den Nagel, studierte die Bibel und begann als Pfarrer der "Church of the Lord Jesus Christ" in seiner Heimat Houston zu arbeiten. Aus dem finsteren Schläger von einst wurde ein netter, lachender, allseits geliebter Hirte.

Zehn Jahre war die Kanzel Foremans Ring und das Wort der "Heiligen Schrift" seine Waffe. Allmählich aber ging Foreman das Geld für sich und seine Herde aus. Um die Kassen aufzufüllen, entschloss sich der Reverend zu einem Comeback als Faustkämpfer. Seine ersten Gegner haute er zwar problemlos um, für voll nahm Foreman dennoch kaum einer. Zu gerne stellte er öffentlich seinen Heißhunger auf Hamburger zur Schau, zu unsportlich wirkte er mit seinen rund 120 Kilo auf den Rippen. Erst als Foreman 1990 den früheren WM-Herausforderer Gerry Cooeny mit einem Haken wie aus den 70ern k.o. drosch, war der Oldie wieder im Geschäft.

Donald Trump organisierte Foreman-Kampf gegen Holyfield

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Donald Trump organisierte 1991 den WM-Kampf zwischen George Foreman und Evander Holyfield
© imago/ZUMA Press, imago sportfotodienst

Ein Kampf gegen Mike Tyson platzte zwar, weil "Iron Mike" in den Knast musste. Dafür stieg der damals 42-Jährige im April 1991 in Atlantic City gegen Weltmeister Evander Holyfield in den Ring. Organisiert hatte den "Battle of the Ages" ein gewisser Donald J. Trump. Das Generationen-Duell geriet zu einer wahren Ringschlacht. Zwar verlor Foreman nach Punkten, zeigte gegen seinen 14 Jahre jüngeren Kontrahenten aber eine Leistung, die ihm die Box-Fachleute nicht zugetraut hatten. Ein ums andere Mal schüttelte der Box-Opa Holyfield durch wie einen Wodka-Martini.

Niemand habe ihn je so hart geschlagen wie Foreman, berichtete Holyfield Jahre später: "George hat mich einmal getroffen, da sind mit die Füße festgefroren. Ich ging in meine Ecke zurück und fragte, ob er mir alle Zähne rausgehauen habe. Sie sagten: 'Nein, nein, du bist okay', aber ich glaube, die wollten einfach nicht, dass ich aufgebe. Die nächste Runde habe ich nur gehalten."

Historischer K.o.-Sieg in Las Vegas

Obwohl er nach dem Spektakel von Atlantic City nicht wirklich überzeugte, bekam Foreman drei Jahre später noch einmal eine Titelchance. Gegen Michael Moorer – der Holyfield sensationell entthront hatte – gab aber kaum jemand einen Pfifferling auf den "Alten". Larry Merchant, Box-Analyst des Senders HBO, bezeichnete Foremans Chancen als "a gazillion to one" (eine Fantastilliarde zu eins).

Wer sich den Kampf von Las Vegas heute zu Gemüte führt (Youtube lässt grüßen), staunt noch immer: Neun Runden lang tänzelt der junge Rechtsausleger um seinen alten Herausforderer, deckt Foreman beinah nach Belieben mit linken Geraden und rechten Aufwärtshaken ein. "Big George" erträgt die Prügel stoisch – bis er Moorer in Runde 10 eine mächtige rechte Kelle ans Kinn bolzt, die dessen Sinne kappt. "It happened, it happened!" (es ist passiert, es ist passiert), rief HBO-Kommentator Jim Lampley das Wunder ekstatisch in alle Welt hinaus. Mit 45 Jahren krönte sich Foreman zum ältesten Schwergewichts-Weltmeister der Geschichte – 20 Jahre nach seiner Schmach gegen Ali.

Punktsiege gegen Axel Schulz und Stefan Raabs Mett

AXEL SCHULZ (r) und GEORGE FOREMAN bei ihrem WM-Kampf am Sonnabend abend (Ortszeit) im MGM-Hotel von Las Vegas. Foreman verteidigt den Titel im Schwergewicht nach Punkten.
Gegen Axel Schulz gewann Foreman nur dank des Segens der Punktrichter
© picture-alliance / dpa, Carsten_Rehder

Ein paar Jahre hielt sich der Box-Veteran noch, mal besser, mal schlechter. Gegen Deutschlands Box-Liebling Axel Schulz verteidigte Foreman den Titel 1995 nur durch einen äußerst umstrittenen Punktsieg. Zwei Jahre später kletterte er endgültig aus dem Ring, nachdem ihn seinerseits die Punktrichter gegen einen gewissen Shannon Briggs um die Krone beschissen hatten.

Außerhalb des Seilgevierts lief es für Foreman sowieso (noch) besser. Der passionierte Steak- und Burger-Verputzer stieg ins Grillgeschäft ein, scheffelte mit dem Verkauf seiner "Lean Mean Fat Reducing Grilling Machine" rund 150 Millionen Dollar. Auch in Deutschland war der Unternehmer in aller Munde. Um die Wunder seines Produkts zu preisen, stopfte er bei Metzgersohn Stefan Raab einen ordentlichen Klumpen kölsches Mett in den Klappgrill. Die "TV-Total"-Zuschauer johlten als das Fett aus dem Hack triefte.

Die Grill-Millionen kann und konnte Foreman gut gebrauchen. Elf Kinder hat die Box-Legende. Seine fünf Söhne tragen alle den gleichen Vornamen: George.

"Big George" aber – den gibt's nur einmal.