Journalistin wegen Terror-Propaganda in der Türkei vor Gericht: Darum will sie den Prozess

Die niederländische Journalistin steht in der Türkei vor Gericht
Die niederländische Journalistin steht in der Türkei vor Gericht
© dpa, Str

06. Juni 2015 - 19:31 Uhr

Staatsanwalt plädiert auf Freispruch

Es war ein Dienstagmittag, als schwer bewaffnete Männer plötzlich vor ihrer Tür aufkreuzten. Ihre Uniformen trugen die Aufschrift 'TEM', das Kürzel der türkischen Anti-Terror-Einheit. "Ich dachte mir: Hä? Ist hier ein Terrorist im Haus?", erinnert sich Fréderike Geerdink in einem Interview mit der niederländischen Zeitung 'deVolkskrant'. Was dann kam, wird die niederländische Journalistin wohl nie vergessen, denn sie selber war der mutmaßliche Terrorist, nach dem die Einheit fahndete. Die Männer durchsuchten ihre Wohnung und nahmen Geerdink fest. Ein stundenlanges Verhör folgte. Dann der unglaubliche Vorwurf: Die Journalistin hätte Propaganda für eine Terroristische Organisation gemacht.

Fréderike Geerdink ist nach eigenen Angaben die einzige ausländische Journalistin, die im südostanatolischen Diyarbakir lebt und von dort berichtet. Als Korrespondentin für diverse niederländische Medien, aber auch auf ihrem eigenen Blog, schreibt sie über Kurden und deren Belange, denn aus der türkischen Perspektive wird ihrer Meinung nach genug berichtet. "Ich mache die kurdische Vision einem breiten Publikum zugänglich… Jemand muss es tun", sagt sie.

Sie schreibt unter anderem auch über die PKK, die Arbeiterpartei Kurdistans, die mit Anschlägen für politische Autonomie in den kurdisch besiedelten Gebieten der Türkei kämpft. Geerdink hatte auch Fotos von Menschen mit PKK- Flaggen veröffentlicht und ein händeschüttelndes Interview mit dem PKK-Chef Cemil Bayik auf Facebook und Twitter gepostet. Ein Dorn im Auge der türkischen Regierung. Diese wirft ihr vor damit Terrorismus-Propaganda zu betreiben. Auch dass Sie die PKK in ihren Berichten des Öfteren als "Guerilla" und nicht als "Terrororganisation" bezeichnet sei ein Indiz dafür.

Jetzt steht die Journalistin in Diyarbakir vor Gericht. Der Staatsanwalt plädiert auf Freispruch. Das Urteil soll nächste Woche fallen. Bei einer Verurteilung drohen Geerdink bis zu fünf Jahre Haft. Sie selbst zeigt sich jedoch optimistisch und twittert aus dem Gerichtssaal: "Keine andere Entscheidung möglich als ein Freispruch."

"Die Anklage gegen mich basiert auf Willkür"

Die Anschuldigungen findet Geerdink lächerlich. Sie betont unparteiisch, jedoch kritisch zu berichten. Man habe die Dinge aus ihrem Kontext gerissen und ihnen somit eine andere Wirkung verpasst. "Ich kritisiere den Staat, aber ich habe auch ich die PKK und die kurdischen Politiker kritisiert", verteidigt sie ihre Handlungen ein Tag vor dem Prozess. Die Anklage sei willkürlich gewesen.

Geerdink war es freigestellt, die Türkei zu verlassen und einem Prozess damit aus dem Wege zu gehen. Sie entschloss sich bewusst dagegen. "Alle Leute denken, ich sei verrückt." Aber Geerdink empfindet das anders. Als Journalistin sieht sie sich in der Pflicht, die Dinge kritisch auszusprechen, die sie beobachtet und sich nicht zum Schweigen bringen zu lassen. "Das kann Konsequenzen haben. Aber dann muss ich die auch hinnehmen und nicht vor ihnen wegrennen." Nicht einmal habe sie darüber nachgedacht, der Türkei den Rücken zu kehren. "Mein Leben ist dort."

Die niederländische Journalistin ist mit ihrem Schicksal nicht alleine. Die deutschen Fotojournalisten Björn Kietzmann, Ruben Neugebauer und Christian Grodotzki wurden im Herbst 2014 in der Antiterror-Abteilung von Diyarbakir festgehalten, weil sie über kurdische Proteste in der Region berichten wollten. Laut Reporter ohne Grenzen steht die Türkei auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 154 von 180 Ländern.