Jonathan Tah: Hamburger Jung bereit für die große Bühne

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15. November 2013 - 14:50 Uhr

Jonathan Tah ist mit 17 Jahren der jüngste Spieler in der 50-jährigen Bundesliga-Geschichte des Hamburger Sportvereins. Und obwohl sich ein durchaus vielversprechender Weg früh abzeichnete, war mit einer derart rasanten Entwicklung nicht zu rechnen. Ein Trainerwechsel und eine Verletzung haben es möglich gemacht.

"Manchmal muss ich mich kneifen und überprüfen, ob das alles auch wirklich wahr ist", verriet Tah nach seinem zweiten Einsatz im Oberhaus schmunzelnd und fügte an: "Ich lebe meinen Traum." Doch eigentlich waren die Pläne der Hamburger mit dem Kapitän der deutschen U17-Nationalmannschaft andere. Behutsam sollte Tah an die erste Elf herangeführt werden. Auch, weil er nebenbei noch sein Abitur absolviert.

Die Verletzung von Dennis Diekmeier und der Mut von Interimscoach Rodolfo Cardoso spülten ihn jedoch ausgerechnet im Nord-Derby gegen Werder Bremen in die Startelf. Zwar verlor der HSV das Spiel verdient mit 0:2, gewann aber die Erkenntnis, dass eines der größten Abwehrtalente des ganzen Landes bereit ist für die große Bühne Bundesliga. Seit dieser Partie ist Tah aus der Hamburger Innenverteidigung nicht mehr wegzudenken.

Sein ehemaliger A-Jugend-Trainer Otto Addo prophezeite ihm schon früh eine große Karriere: "Tah hat alles, was ein Verteidiger braucht. Er verfügt über ein gutes Aufbauspiel, ein gutes Zweikampfverhalten und ein gutes Kopfballspiel."

Die Statistiken unterstreichen Addos Einschätzung. Tah gewann in seinen acht Einsätzen 69,2 Prozent seiner Zweikämpfe, brachte 82,8 Prozent seiner Pässe an den Mann und spielte in 631 Minuten nur drei Fouls. Bärenstarke Werte für einen Defensivspieler.

Abheben will der Youngster trotzdem nicht, denn er weiß, dass er für seinen Traum auch weiterhin hart arbeiten muss. "Bislang war das für mich alles nur ein erster Schritt. Ich kann und muss noch viel verbessern. Ich will mich beim Trainer weiter anbieten, muss mich jeden Tag beweisen." Worte, die zeigen, wie reif Tah für seine 17 Jahre bereits ist.

Immer einen Schritt voraus

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Auch im Training vorne mit dabei: Jonathan Tah an der Seite von Lasse Sobiech.
© dpa, Angelika Warmuth

Mit dem Thema Reife sah er sich in seiner Karriere allerdings auch sehr früh konfrontiert. "Ich war schon immer größer als die anderen. Die Eltern am Spielfeldrand haben immer gesagt, dass ich einen falschen Pass hätte. Meine Mutter ist da immer ein bisschen böse geworden", erzählt der gebürtige Ivorer heute.

Zur U14 wechselte Tah von Altona 93 zum HSV. Dort spielte er von Anfang an fast immer mit den großen Jungs. Als C-Jugendlicher für die B-Jugend, als B-Jugendlicher für die A-Jugend. Auch jetzt, wo er noch fast zwei Jahre in der A-Jugend kicken könnte, ist er bereits Hoffnungsträger eines kompletten Bundesliga-Vereins.

"Ich muss mich erst mal ans Profidasein gewöhnen", erklärte er kürzlich. "Der größte Unterschied ist im Kopf. Man muss schneller schalten, muss wachsamer sein. Auch körperlich ist es natürlich ein Unterschied zum Jugendfußball, bei den Profis müssen es immer 100 Prozent sein."

An der Elbe zweifeln sie jedoch keineswegs an den Qualitäten des Verteidigers. Im Frühjahr verlängerte Tah sein Arbeitspapier bis 2016. Trotz diverser Angebote aus England, Spanien oder Italien. "Ich hatte kein Interesse an anderen Clubs, habe mich mit einem Wechsel gar nicht befasst. Es läuft doch super hier. Und außerdem komme ich aus Hamburg." Und genau deshalb ist Sportdirektor Oliver Kreuzer bemüht, die Laufzeit schnellstmöglich noch einmal zu verlängern. Bis 2018. "Da läuft alles sehr gut. Wir sind in sehr aussichtsreichen Gesprächen", ließ Kreuzer verlauten.

Worte, die vor allem die Fans in Hamburg gerne hören werden. Zu oft mussten sie schon miterleben, wie der HSV seine begabtesten Talente verlor. Sidney Sam, Levin Öztunali (beide Bayer Leverkusen) und Änis Ben-Hatira (Hertha BSC Berlin) sind nur drei Beispiele.

Jonathan Tah hingegen hat sich für den HSV entschieden. Zumindest vorerst. Wenn die Entwicklung aber in diesem Tempo weitergeht, wird er für die Hamburger sehr schwer zu halten sein. Denn ein Roter Faden zieht sich durch seine Karriere: er hat immer im Konzert der Großen mitgespielt.