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Bundestrainer bricht sein Schweigen

Joachim Löw kritisiert Indiskretionen beim DFB: "Da herrscht Explosionsgefahr bei mir"

07. Dezember 2020 - 23:04 Uhr

Immer wieder drangen Interna nach außen - Löw sauer

Joachim Löw hat nach der krachenden 0:6-Niederlage in Spanien sein Schweigen gebrochen und erstmals öffentlich Stellung bezogen. Und der Bundestrainer hatte einiges auf dem Herzen. Bei der Video-Pressekonferenz teilte der 60-Jährige kräftig gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) aus. Er sei "maßlos enttäuscht" darüber, dass immer wieder Interna an die Öffentlichkeit kamen. Und sportlich? Von seinem Weg wolle er nicht abrücken, über einen Rücktritt habe er nie nachgedacht. Oben im Video gibt es die Veranstaltung im Re-Live.

"Das war für mich unverständlich"

Löw hatte viel Kritik dafür einstecken müssen, dass er nach der bitteren Spanien-Pleite vor drei Wochen (die Pressekonferenz direkt nach dem Spiel ausgenommen) nicht früher Stellung bezog, der Öffentlichkeit nicht erklärte, wie so etwas passieren konnte. Während der Bundestrainer schwieg, diskutierte Fußball-Deutschland darüber, ob Löw noch der richtige Mann für den Job sei. Der DFB beantwortete die Frage vergangenen Montag bei einer Sitzung mit "Ja", gab allerdings nur ein schriftliches Statement ab.

Nun wolle er "einige Dinge ins richtige Licht rücken", sagte Löw eingangs seines einstündigen Auftritts in der DFB-Zentrale in Frankfurt. Er habe sich darüber gewundert, dass vielerorts zu lesen geweisen sei, er sei abgetaucht. Er habe sich konstruktiver Kritik immer gestellt, betonte der Bundestrainer. Dass er sich erst jetzt äußere, sei auch der Tatsache geschuldet, dass es keinen früheren Termin mit dem DFB-Präsidium gegeben habe. Löw angefressen: "Ich bin der Trainer. Ich rede, wenn ich denke, dass es richtig ist."

DFB-Direktor Oliver Bierhoff hatte für den mit Spannung erwarteten ersten Auftritt Löws nach der 0:6-Schmach "Feuer" versprochen - Löw lieferte.

Jogi schießt gegen den DFB

Der 60-Jährige holte zur Attacke gegen seinen Verband aus. Er habe sich "sehr" darüber geärgert, dass in den vergangenen Tagen immer wieder Inhalte aus internen Gesprächen an die Öffentlichkeit gelangt seien: "Das hat mich persönlich maßlos enttäuscht." Auf spätere Nachfrage sagte Löw: "Da herrscht Explosionsgefahr bei mir, wenn Dinge nach außen gehen, die nicht nach außen gehören"

Auf den angeblichen Vorstoß von DFB-Präsident Fritz Keller, der Löw einen Rücktritt nach der EM im nächsten Jahr nahegelegt haben soll, ging der Bundestrainer nicht näher ein. Inzwischen sei die Sache aber vom Tisch: "Wir haben uns ausgesprochen, damit ist die Sache für mich erledigt."

Irritiert zeigte sich Löw auch von der Pressemitteilung des DFB nach dem Spanien-Debakel, in der der Verband mitteilte, man wolle dem Trainer die Möglichkeit geben, emotionale Distanz zu gewinnen – manch einer hatte die Zeilen als "goldene Brücke" zum Rücktritt interpretiert. "Das war für mich unverständlich, weil emotionale Distanz brauche ich nicht", sagte Löw. Er sei schon sehr lange dabei und habe viel erlebt. "Ich habe gesagt, gebt mir einen Tag Zeit und dann stehe ich für jedes Gespräch bereit."

Sportlich weiter der "roten Linie folgen"

Sportlich wolle Löw an dem festhalten, was er nach dem WM-Versagen 2018 in Russland angestoßen hatte. "Wir folgen unserer roten Linie und wir sind auch davon überzeugt, dass es eine gute Entwicklung gab und geben wird. Es gibt keinen Grund, alles über den Haufen zu werfen." Grundsätzlich befinde sich die junge Nationalmannschaft abgesehen vom Spanien-Spiel auf einem guten Weg.

Löw räumte allerdings ein, dass "2020 die Entwicklung stehen geblieben ist", verwies aber darauf, dass es wegen der Corona-Pandemie eine lange Pause gegeben habe. Bei drei Spielen in neun Tagen seien kaum Trainingseinheiten möglich gewesen: "Die klare Direktive war, dass wir die Gesundheit der Spieler über alles stellen. Wir brauchen Spieler, die körperlich, mental frisch in das Turnier gehen."

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Kampfansage: Möglichst bis ins EM-Finale

Ziel für das kommende Jahr sei es, eine "bestmögliche" Europameisterschaft zu spielen. Im Vorfeld sei es aber schwierig, über genaue Vorgaben zu sprechen. "Die Erwartungen sind sicherlich sehr groß, aber das ist unser eigener Anspruch. Wir wollen so weit wie möglich kommen, das Finale erreichen, das Turnier gewinnen." Aber er wisse, dass bei einem Turnier "viele Dinge" passieren könnten, sagte Löw. "Wir gehen Schritt für Schritt in ein Turnier."

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Keine Gedanken an Rücktritt

Angesprochen auf einen möglichen Rücktritt sagte der Bundestrainer: "Diesen Gedanken gab es bei mir nicht." Bei den entscheidenden Gesprächen mit der Führung des DFB vor einer Woche habe er aber auch daran gedacht, dass ein vorzeitiger Abschied Thema sein könnte.

"Für mich persönlich, klar, man ist völlig frustriert", sagte Löw. "Diese Niederlage hängt mir persönlich immer noch an." Mit dem Frust der Nacht von Sevilla stehe er manchmal noch morgens auf. Als Trainer wisse er aber, "wie kann man das einordnen, stimmt der Weg?"

Kommen Müller, Hummels und Boateng zurück?

"Im Moment" sehe der Bundestrainer keine Veranlassung für eine Rückkehr der Ex-Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng in die Nationalmannschaft. Das hatten viele Kritiker angesichts der jüngsten Leistungen der Nationalelf gefordert. Löw hatte das Trio im März 2019 aussortiert.

Deutlicher als in den vergangenen Monaten betonte der Bundestrainer aber, im EM-Jahr 2021 alles auf den Prüfstand zu stellen: "Vor der Nominierung drehen wir nochmals jeden Stein um, und dann müssen wir gucken, was bringt uns den größtmöglichen Erfolg?"

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