Joachim Löw: Ballbesitzfußball in die Mottenkiste - Aus für Sami Khedira

29. August 2018 - 13:15 Uhr

Löw mit der WM-Analyse

Re-Start, Neuanfang, Wendepunkt: Rund zwei Monate nach dem WM-Debakel in Russland hat Joachim Löw sein Schweigen gebrochen und sich erstmals der Öffentlichkeit gestellt. Ein Stelldichein zur großen WM-Analyse in der Münchener Allianz Arena. Und alles kreiste um die eine Frage, welche Lehren zieht Löw aus der verheerenden Weltmeisterschaft? Sportlich. Strukturell. Personell. Die Antworten (des Bundestrainers):

Ein Rückblick

"Das WM-Aus war für mich und uns alle ein absoluter Tiefschlag. Wie sind weit hinter unseren Möglichkeiten geblieben und haben dafür zurecht die Quittung bekommen", sagte der Bundestrainer auf der mit Spannung erwarteten WM-Analyse. Nach dem Ausscheiden sei er frustriert und wütend gewesen. Doch mit wenigen Tagen Abstand und Gesprächen mit Manager Oliver Bierhoff sei die Erkenntnis gereift, dass "wir weiterhin – auch nach vierzehn Jahren in der Verantwortung – die Motivation, die Energie und die Kraft haben, das Schiff wieder auf Kurs zu bringen".

Spielweise fast arrogant

Und das mit einem veränderten Spielsystem. "Meine allergrößte Fehleinschätzung war, dass ich geglaubt habe, mit dieser dominanten Spielweise, mit dem Ballbesitzfußball durch die Vorrunde zu kommen. Ich hätte die Mannschaft, und das war mein größter Fehler, das war fast schon arrogant, verändern müssen, ich wollte dieses Spiel auf die Spitze treiben", konstatierte der Bundestrainer mit Blick auf eine Analyse des Spielsystems.

Man hätte die Spielweise an die Rahmenbedinungen einer WM und den Gegner anpassen müssen, so Löw. Im Spiel habe die Ausgewogenheit gefehlt. Bei der Endrunde 2014, als man Weltmeister wurde, sei es gelungen, ein Balance zwischen Ballbesitzfußball und stabilber Defensive zu finden. 2018 sei das nicht gelungen. Künftig werde entscheidend sein, eine "Ausgewogenheit und Feuer" ins Spiel zu bekommen.

DFB-Elf mit Mentalitätsproblem

"Die Defensive stand 2018 viel mehr im Vordergrund als in den Turnieren zuvor. Es sind vielmehr Tore aus Kontersituationen gefallen und Standards haben einen nicht unerheblichen Teil des Erfolgs ausgemacht", so Löw. Im Klartext: Exzessiver Ballbesitzfußball ist nicht mehr der Weisheit letzter Schluss.

Zudem sei die deutsche Mannschaft an einem Mentalitätsproblem gescheitert. "Wir haben es versäumt, ein neues Feuer zu entzünden, dass es eine riesige Flamme wird", sagte der Bundestrainer. Wille, Leidenschaft, Einsatz, Tugenden, die bei der Endrunde dem deutschen Spiel fehlten. "Es wäre meine Aufgabe gewesen, dieses Feuer zu entzünden", so Löw. Und das werde man künftig auch wieder schaffen.

Allerdings ohne Co-Trainer Thomas Schneider. Der ehemalige Coach des VfB Stuttgart verstärkt künftig als Leiter die Scouting-Abteilung des DFB.

Drei Neue rein - Khedira raus

Ansonsten bleibt der große, personelle Umbruch aus. Für die Zukunft sei es wichtig, "den richtigen Mix zu finden aus Erfahrung – Erfahrung ist wichtig für einen Neuanfang – und jungen, dynamischen und hungrigen Spielern", so Löw. Zudem müsse man wieder die Qualitäten aus den Spielern rauskitzeln. Man werde eine gute Mischung finden und ein Jetzt-Erst-Recht-Gefühl wachrufen. "Wir bekommen das hin, da bin ich mir sicher." Man habe weiterhin ein sehr, sehr gutes Fundament.

Für den Neustart verzichtet der Bundestrainer (zunächst) auf Sami Khedira. Dennoch stehen 17 WM-Versager im Aufgebot für die Länderspiele gegen Weltmeister Frankreich am 6. September und drei Tage später gegen Peru (live bei RTL). Neu im Kader sind Kai Havertz (Bayer Leverkusen), Thilo Kehrer von Paris St. Germain und Nico Schulz (TSG Hoffenheim).

Wieder dabei sind Leroy Sane (Manchester City) , den Löw kurz vor der WM aus seinem Kader gestrichen hatte, Jonathan Tah (Bayer Leverkusen) und Nils Petersen (SC Freiburg).