'Jedes Kind ist hoch begabt' von Gerald Hüther und Uli Hauser

'Jedes Kind ist hoch begabt': Gerlad Hüther, Uli Hauser

13. Februar 2016 - 13:00 Uhr

Leseinfo zu 'Jedes Kind ist hoch begabt'

In Deutschland bekommen 1,1 Millionen Schüler regelmäßig Nachhilfeunterricht. Meist sind es die Fächer, die den Kindern wenig Spaß machen, stellen Gerald Hüther und Uli Hauser in ihrem Sachbuch 'Jedes Kind ist hoch begabt' fest. Dabei sei es sinnvoller, Kinder in den Fächern vermehrt zu fördern, die ihnen richtig viel Spaß machen.

Aber das passe nicht in unsere Leistungsgesellschaft, in der das Einser-Abitur mehr zählt als der Spaß am Lernen. "So gibt es Nachhilfe in Französisch, um von 'mangelhaft' auf 'ausreichend' zu kommen. Nicht in Englisch, um sich von 'befriedigend' auf 'sehr gut' zu verbessern", schreiben die beiden. Schon im Vorwort konfrontieren die Autoren den Leser damit, dass die Talente unserer Kinder klein gehalten werden. Dabei geht es nicht um unsere - erwachsene - Definition von Talent, es geht also nicht um die perfekte Kurvendiskussion oder fehlerfreies Klavierspielen. Albert Einstein war kein Musterschüler, John Lennon wurde aus dem Kindergarten geworfen und Woody Allen konnte sich nicht auf den Unterricht konzentrieren. "Genies sind in der Mehrzahl frustrierte Schulabbrecher, unmotivierte Studenten, Eigenbrötler, unangepasst Querdenker und Musterbrecher. Sie haben weder besondere Schulerfolge noch ausgezeichnete Berufsabschlüsse oder hervorragende akademische Examen vorzuweisen", heißt es schon auf Seite 16.

'Jedes Kind ist hoch begabt' beschreibt zunächst die Begabungen, mit denen Kinder auf die Welt kommen. Dazu gehören Liebe und Zuneigung, Offenheit und Entdeckerfreude, Kreativität und Gestaltungslust, Vertrauen und Zuversicht, Beharrlichkeit und Eigensinn und Achtsamkeit und Mitgefühl. Das hat erst einmal wenig mit der klassischen Definition von Talent zu tun. Die Autoren kritisieren, dass nur eine Rolle spielt, wer in einer Sportart, beim Singen oder in Mathe besondere Leistungen vollbringt. "Dass es Kinder gibt, die die besondere Begabung mitbringen, auf die höchsten Bäume zu Klettern, Weltmeister im Kirschkern-Weitspucken zu werden oder im Rückwärtslaufen, finden nur wenige Eltern und Erzieher bemerkenswert." Ein klassischer Ratgeber zur individuellen Förderung ist 'Jedes Kind ist hoch begabt' nicht. Es behandelt eher das Selbstverständliche: Ein Kind einladen, ermutigen und inspirieren, so viele Kompetenzen wie möglich herauszubilden. Dazu gehöre auch, Kinder ihre Erfahrungen machen zu lassen, gemeinsam Geschichten zu lesen oder zu singen und ihnen gleichzeitig Nähe zu schenken.

'Jedes Kind ist hoch begabt' ist wie bereits erwähnt kein klassischer Ratgeber, weil er keine Tipps gibt. Es geht vielmehr ums Verstehen und Begreifen, dass wir in den kleinen Dingen große Taten unserer Kinder sehen müssen. Wir dürfen nicht vergessen, wie sehr wir Kinder mit unserem Anspruch, etwas besser zu können als andere, einengen. Das Buch soll Lehrer, Erzieher und Eltern wachrütteln, um zu verstehen, wie Kinder lernen und was wir aus ihren angeborenen Fähigkeiten machen können.

Über die Autoren Gerald Hüther und Uli Hauser

Kennengelernt haben sich die Autoren bei einem Projekt: dem Versuch von elf Jungen, für zwei Monate auf einer Alm zurechtzukommen. Das Projekt war dahingehend besonders, weil allen Jungen von Ärzten das Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrom, also ADHS, bescheinigt wurde. "Wenn die Pest die Krankheit des Mittelalters war, ist diese Verhaltensstörung die Pest der digitalen Moderne." Hüther ist Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Klinik der Uni Göttingen und Autor zahlreicher Bücher. Uli Hauser war in der Kinder- und Jugendarbeit aktiv. Er schrieb mehrere Bücher und ist seit über zwanzig Jahren beim Magazin Stern.

(Text: Sabine Möller)