Japan: Mit jedem Beben zerbricht die Hoffnung

Ein Leben in Trümmern: Die Folgen von Erdbeben und Tsunami sind dramatisch
Ein Leben in Trümmern: Die Folgen von Erdbeben und Tsunami sind dramatisch
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09. Februar 2016 - 12:15 Uhr

Während die Welt geschockt auf die drohende Atom-Katastrophe in Japan blickt, gerät ein Thema immer mehr in den Hintergrund: Die menschliche Seite der Tragödie. Mit jedem Tag nach dem Mega-Beben schwindet die Hoffnung, Überlebende in den Trümmern zu finden.

5.000 Menschen sind bisher nach offiziellen Angaben durch das Beben und den darauf folgenden Tsunami gestorben, 450.000 sind obdachlos geworden. Lokale Behörden befürchten, dass die tatsächliche Opferzahl weit über den aktuellen Angaben liegt. Neben den Horror-Meldungen wirken die guten Nachrichten wie kleine Wunder: Am Dienstag haben Helfer eine 70 Jahre alte Frau lebend aus den Trümmern ihres Hauses geborgen. Der Tsunami hatte das Haus der Frau in der Stadt Otsuchi weggeschwemmt, wie die Nachrichtenagentur Jiji Press berichtete. Die 70-Jährige war zum Zeitpunkt der Katastrophe im ersten Stock des Hauses gewesen. Die Retter brachten die Rentnerin mit Unterkühlung in ein Krankenhaus.

Allein der Präfektur Miyagi werden noch mehr als 10.000 Menschen vermisst. Grausig: An der Küste der Provinzen Miyagi und Iwate wurden 600 Leichen gefunden. Die Zahl der Toten durch die Naturkatastrophe könnte in die Zehntausende gehen. Ein Mann aus Indonesien ist dem Tod dagegen schon zweimal von der Schippe gesprungen. 2004 war Zahrul Fuadi auf Aceh mit einem Motorrad vor den Fluten des Tsunamis geflüchtet, 2011 holte ihn der Tsunami auf dem Universitäts-Campus von Sendai ein. "Wir wurden von Tsunamis gejagt von Aceh bis Japan", sagte der 39-jährige Wissenschaftler der Nachrichtenagentur Kyodo.

Die Flucht vor der Katastrophe nimmt derweil Formen einer Völkerwanderung an: In den Katastrophenregionen mussten bislang etwa 600.000 Menschen ihre Wohnungen und Häuser verlassen. Laut Innenministerium in Tokio wurden insgesamt fast 73.000 Gebäude vernichtet.

Nach Hunderten namentlich bekannten Vermissten wird gesucht. Auch wenn die Hoffnung schwindet. Das Technische Hilfswerk (THW) hat am Dienstag seinen Einsatz in Japan beendet. Es gebe praktisch keine Chance mehr, dass im Katastrophengebiet noch Überlebende auftauchen, sagte Teamleiter Ulf Langemeier. Das Team war erst am Montag in Tome, nördlich der Hafenstadt Sendai im Landesinneren, mit 41 Spezialisten und drei Suchhunden eingetroffen.

Zerstörte Straßen und Brücken behindern die Hilfs- und Aufräumarbeiten. Viele Verkehrswege in der Region sind nach wie vor unterbrochen. Mindestens sechs Häfen sind schwer beschädigt worden. Die nordöstlichen Häfen Hachinohe, Sendai, Ishinomaki und Onahama sind nach Angaben von Hafenbetreibern derart stark verwüstet, dass sie für Monate, wenn nicht sogar Jahre außer Betrieb bleiben dürften. Die Schließung der Häfen wird die japanische Volkswirtschaft voraussichtlich 3,4 Milliarden Dollar täglich kosten, wie aus Daten des Schifffahrtsmagazins 'Lloyd's List Intelligence' hervorgeht.

Den Menschen fehlt es an Strom, Brot und Wasser

Die Versicherungsbranche muss sich nach dem verheerenden Erdbeben in Japan voraussichtlich auf Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe einstellen. Alleine an Gebäuden dürfte das Beben versicherte Schäden von bis zu 35 Milliarden Dollar angerichtet haben, errechneten Experten des Versicherungsdienstleisters 'AIR Worldwide'.

Große Teile Tokios wirkten am Montag und Dienstag wie eine Geisterstadt. Die Straßen waren wie leergefegt, in Hochhäusern brannten keine Lichter. Wegen der Störfälle in mehreren Atomkraftwerken wurde überall der Stromverbrauch gedrosselt. Die normalerweise hell erleuchtete Rainbow Bridge im Hafen der Hauptstadt war komplett dunkel.

In Supermärkten sind viele Regale komplett leergeräumt. Eine ältere Frau sagte dem Fernsehsender NHK, sie kaufe alle Lebensmittel, die sie auftreiben könne. Sie horte auch Trinkwasser sowie Batterien wegen der erwarteten Stromausfälle. Vielen Japanern fehlt es am Wichtigsten: Strom, Brot und Benzin.